Sonntag, 8. November 2009

Brief einer Demonstrantin in Iran: Meine Erlebnisse am 13. Aban

Veröffentlicht auf Persian2english am 7. November 2009
Übersetzung aus dem Persischen: Persian2English
http://persian2english.wordpress.com/2009/11/07/a-letter-from-a-protester-in-iran-my-experience-on-13-aban/
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben


(Anmerkung: Das folgende ist ein Bericht aus erster Hand von einer jungen Demonstrantin und ihren Erlebnissen am 13. Aban. Der Bericht wurde aus dem Persischen ins Englische übersetzt. Danke an Cheyenne für die Übersetzung.)

Gestern war es extrem beängstigend. Es war wie in der Höhle des Löwen! Karroubi hatte angekündigt, dass er um 10:30 am Haft-e Tir sein würde. Ich ging mit einigen Freundinnen los, wir dachten, wir könnten friedlich hinter Karroubi marschieren, wie am Quds-Tag.

Ich kam gegen 9:30 am Haft-e Tir an und sah eine riesige Anzahl von Basijis. Ich habe niemals so viele Basijis gesehen. Es gab auch sehr viel Polizei und Zivilpolizisten mit Schlagstöcken. Ich stieg aus dem Taxi aus, um am Verkehr vorbeizukommen und ging unauffällig durch die Gruppen von Sicherheitskräften, um meine Freundinnen zu treffen.

Unterwegs sah ich, wie mehrere grüngekleidete Leute verhaftet wurden. Ich fand meine Freundinnen, und wir gingen los Richtung Haft-e Tir. Die Cousine meiner Freundin war sehr mutig, sie trug einen grünen Schal und ging lächelnd an den Basijis vorbei! Als die Menschenmenge größer wurde, fingen wir an, unsere Hände zu heben und "Allah-o Akbar" und "Tod dem Diktator" zu rufen. Anfangs reagierte die Polizei nicht. Die Leute baten die Polizei, nicht zuzulassen, dass die Basijis sie schlagen, aber die Polizisten lachten sie aus.

Wir riefen Parolen, und irgendwann kamen die Basijis auf uns zu, um anzugreifen. Wir flüchteten. Es war wirklich schrecklich!

Wir fingen wieder an, Parolen zu rufen, "Die russische Botschaft ist ein Spionennest" und "Tod dem Diktator". Auf einmal griffen die Basijis wieder an, und wir flüchteten wieder. Ich hielt die Hand meiner Freundin Niloofar, als wir von hinten mit einem Schlagstock geschlagen wurden. Ich schrie nur "nicht schlagen!" Einige der Basijis waren wohl ziemlich human und sagten nur, wir sollten verschwinden, also liefen wir weg. Ich wurde von Niloofar getrennt. Ich lief allein weiter, als ein anderer Basij vor mir auftauchte. Ich wusste, dass er mich angreifen wollte, und ich schrie ihn an, er solle mich nicht schlagen. Er trat mir in die Brust. Ich glaube, er konnte Kampfsport. Er schlug mich und rannte weg.

Ich hatte Schmerzen, ich rannte und weinte. Ich lief zu Atefeh (einer anderen Freundin). Ihre mutige Cousine war Richtung Vali-Asr unterwegs, weil sie gehört hatte, dass Moussavi dort sein würde. Atefeh und ich suchten nach Niloofar. Überall, wo wir hinsahen, waren Polizei und Basijis mit Schlagstöcken. Es war klar, dass sie sich absichtlich unter die Menge mischten, um Kämpfe zu provozieren, damit es so aussah, als ob die Demonstranten gewalttätig wären. Es war alles nur Show!

Mitten in der ganzen Gewalt sah ich einen Basij mit einem elektrischen Schlagstock - es war furchteinflößend. Die armen Leute waren total verstreut. Wir riefen "nicht Amerika, nicht Russland, unsere Bewegung kommt vom Volk". Aber die Gewalt war so intensiv, dass die Menschen nicht zusammen bleiben konnten. Ich hatte sehr starke Schmerzen, es machte mich wahnsinnig. Meine mutige Freundin Atefeh sagte immer wieder zu mir "schluck es runter, wir sind hergekommen, um ihre Schläge auszuhalten!" Aber ich konnte es nicht länger aushalten und bat Atefeh, mit mir zu kommen, bevor wir von den Wilden verhaftet werden würden. Aber Atefeh hörte nicht auf mich und wollte dort bleiben. Ich ging allein und unter Schmerzen nach Hause.

Ich machte mir Sorgen um Niloofar, weil ich sie bei dem Angriff aus den Augen verloren hatte. Als ich nach Hause kam, bekam ich einen Anruf von Atefeh. Sie erzählte, dass sie zusammen mit ein paar anderen Leuten angegriffen wurde und sich im Parkhaus eines Wohnhauses in Sicherheit bringen konnte. Sie sagte, dass sie den Polizisten ein paar gute Schläge verpasst hatte! Zwei Stunden später bekam ich einen Anruf von Niloofar. Sie war sicher zu Hause angekommen, und sie erzählte, dass sie an der Teheran-Universität vorbeigekommen war, und drinnen seien alle in Grün gewesen und hätten Parolen gerufen, und die Polizisten hätten vor dem Tor gestanden, hätten aber nichts unternommen.

Zwischen 15 und 16 Uhr rief Atefeh noch einmal an. Sie war endlich zu Hause angekommen, aber das arme Mädchen war ziemlich schlimm geschlagen worden und musste sich in drei verschiedenen privaten Parkhäusern verstecken. Später erfurh ich, dass in ganz Teheran Demonstrationen stattgefunden hatten: Vali-Asr, Enghelab, Taleghan, Ferdosi, Vanak, Arjantin, Seid Khandan. Aber die meiste Gewalt gab es am Haft-e Tir, weil Karroubi dort war. Sogar Karroubi wurde mit Tränengas beschossen und musste die Demonstration bald wieder verlassen.

Das war mein Bericht. Leider konnte ich nicht so aktiv mitmachen. Die Wahrheit ist, dass ich nicht besonders mutig bin. Wenn die Gefahr bestünde, dass ich verhaftet werde, würde ich nicht weitermachen. Es macht mir nichts aus, geschlagen zu werden, aber verhaftet zu werden ist unerträglich.
Es gab nicht nur in Teheran einen Aufstand, auch in Tabriz, Isfahan und sogar in Shiraz!

Samstag, 7. November 2009

Kommandant befiehlt gewaltsames Vorgehen gegen Demonstranten

Veröffentlicht auf Rooz Online, 6. November 2009
Quelle (Englisch): http://www.roozonline.com/english/news/newsitem/article/2009/november/06//commander-tells-his-force-to-violently-strike-at-people-1.html
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben

Rooz sprach mit Bahareh Hedayat, einem hochrangigen Mitglied der Studentischen Alumni-Organisation Daftar Tahkim Vahdat, deren Führungsmitglieder im Zuge der Unruhen nach der Präsidentschaftswahl im Iran am 12. Juni verhaftet worden waren. Thema des Gesprächs waren die jüngsten Verhaftungen und die Studentendemonstrationen am 4. November. "Ich habe selbst gehört, wie einer der Pasdaran-Gardenkommandanten seine Leute, die den Demonstranten mit ihren Schlagstöcken nur drohten, anwies, nicht nachsichtig zu sein und sie zu schlagen", sagte sie.

Frau Hedayat, eine bekannte studentische Aktivistin, sagte über die Demonstrationen vom Mittwoch: "Um 10 Uhr morgens demonstrierten etwa 5000 Menschen auf der Quds-Avenue der Teheraner Universität. Sie wurden von den blockierten Toren gestoppt, die sie daran hindern sollten, den Campus zu verlassen. Also gingen die Demonstranten zur Universität zurück und machten sich von dort aush auf den Weg zum Haupteingang. Sie blieben stundenlang in ungefähr 20 m Entfernung von der Universität und riefen Parolen. Alle trugen etwas in der grünen Farbe der Oppositionsbewegung. Einige starke Parolen wurden verändert. Am Rande standen etwa50 paramilitärische Basijis, die provokative Parolen riefen, wie z. B. 'Tod den Heuchlern'. Auch ein paar Mitglieder der Universitätspolizei waren auf dem Campus, dahinter standen die Spezialeinheiten der Pasdaran-Garden. Dann brachten sie Wasserwerfer, um die Studenten zu bedrohen und auseinanderzutreiben. Außerhalb der Universität hatten sie Busse aufgestellt, um die Studenten von der Öffentlichkeit abzuschirmen."

Weiter berichtete sie: "Die Studenten wollten eigentlich zur früheren US-Botschaft gehen und sich dort versammeln, aber die Regierungsagenten hatten eine Handvoll regierungstreuer Demonstranten in derselben Straße (Taleghani Avenue) aufgestellt und erlaubten der demonstrierenden Öffentlichkeit nicht, dorthin zu gehen. In Wirklichkeit wollten sie all ihre Anhänger an einer Stelle zusammenhalten und den Anschein erwecken, dass sich eine sehr große Menge zu der Demonstration zusammengefunden hatte. Aber in vielen Teilen Teherans, darunter Vali Asr-Platz, Argentinien-Platz, Vali Asr-Avenue, Motahari-Avenue und Haft-e Tir-Platz, bin ich selbst gewesen - dort war die Öffentlichkeit präsent. Natürlich ließen die Sicherheitskräfte nicht zu, dass die Menschen sich versammeln konnten, sobald es mehr als 50 wurden, griffen die Spezialeinheiten an, schlugen die Menschen brutal und trieben sie auseinander. Dann kanalisierten die Garden die Demonstranten in die Seitenstraßen hinein, und dort griffen sie sie an und schlugen sie überall. Sie benutzten viel Pfefferspray und Tränengas."

Auf die Frage, wie gewalttätig die Polizei war, sagte sie: "Sie hatten absolut keine Skrupel. Ich habe selbst gehört, wie einer der Befehlshaber der Pasdaran-Garden seine Leute, die die Demonstranten mit ihren Schlagstöcken nur drohten, anwies, nicht nachsichtig zu sein und sie zu schlagen. Er forderte seine Kräfte auf, Menschen zu schlagen, insbesondere diejenigen, die vom Rest der Menschenmenge getrennt waren. Sie haben sie sehr brutal geschlagen."

Die Parolen, die verwendet wurden, kommentierte sie wie folgt: "Die Parolen, die die Studenten gerufen haben, haben sich sehr von denen unterschieden, die außerhalb der Universität (des Universitätsgeländes) benutzt wurden. Eine der radikalsten Parolen außerhalb der Universität war "Khamenei, du bist ein Krimineller, und dein Regime ist nichtig." Innerhalb der Universität waren die Parolen noch stärker.

Zu den Verhaftungen während der letzten 48 Stunden saget Bahareh Hedayat: "Am Mittwoch nach Mitternacht ist Mohammad Hashemis Haus durchsucht worden. Die Bewohner des Hauses fragten nach Durchsuchungsbefehlen und Dokumenten, aber die Agenten hatten keine und brachen nach einer Stunde die Eingangstür auf und gingen hinein. Sie verbanden Hashemi die Hände und die Augen und begannen dann mit der Durchsuchung, ohne vorher eine Liste der Gegenstände im Haus anzufertigen, was absolut illegal ist. Sie verließen das Haus dann, ohne jemanden verhaftet zu haben. Aber heute kamen sie als Zivilpersonen wieder und verhafteten Mohammad Hashemi. Er blieb etwa sechs bis sieben Stunden in Haft und wurde dann freigelassen. Mittwoch nacht wollten sie außerdem Milad Assadi vom Zentralrat des Daftar Tahkim Vahdat verhaften, der nicht zu Hause war. Die beiden Zentralratsmitglieder Mohammad Sadeghi und Hassan Assadi sind vor drei Nächten verhaftet worden.”

Freitag, 6. November 2009

Übelkeit - Persian Umpire über seinen persönlichen 13. Aban

Veröffentlicht am 6. November
Autor: P. Umpire
Quelle (Englisch): http://www.persianumpire.com/2009/11/06/nausea/
Deutsche Übersetzung: Julia
Bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post und zum Original angeben


Wegen der nach Demonstrationen üblichen Staus im Internet ein verspäteter Post

Mittwoch, 13. Aban (4. November)

Ein merkwürdiges Gefühl hat heute von mir Besitz ergriffen. Nur einen Meter von mir entfernt wurde ein Mann Ende Fünfzig von mehreren Menschen geschlagen, und ich habe es genossen. Obwohl ich weder den Drang zum Mitmachen verspürte, noch Zeit hatte darüber nachzudenken, verursachte das Vergnügen, das ich beim Anblick des angsterfüllten Gesichts dieses Mannes verspürte, bei mir den Wunsch, seine Angreifer anzufeuern. Ich bin froh, dass ich es nicht getan habe. In der Schlägerei, als er sie anflehte aufzuhören und immer wieder schrie "warum schlagt ihr mich?", dachte ich nur: "du machst wohl Witze". Der Mann war ein Basij.

Ich habe nie zuvor erlebt, dass vor meinen Augen an einem einzigen Tag so viel Gewalt angewendet wurde. Wenn es einen Tag gibt, der mit dem 13. Aban vergleichbar ist, so ist es wohl der 30. Khordad (20. Juni), der Tag, nach dem Khamenei seinen Gangstern grünes Licht für gnadenloses Vorgehen gegen die Iraner gegeben hatte. Der 13. Aban war schlimmer, vielleicht, weil ich länger dabei blieb, oder vielleicht, weil es wirklich schlimmer war. Ich habe auch noch nie zuvor so viele Sicherheitskräfte an einem Ort gesehen. Ich war heute am Haft-e Tir-Platz, in der Karim Khan Avenue, auf dem Vali-Asr-Platz und Umgebung. Tausende von Grünen waren dort, zumeist ohne grüne Symbole, und sie wurden von tausenden Affen empfangen, die sich, wenn man sie mit dem Etikett Homo versehen würde, höchstens bis zum Erectus qualifizieren würden.

Die Affenmacht hatte nur eins im Sinn: Jede Menschenansammlung zu verhindern. Ihre Strategie: wahllose Gewalt. Gegen 10:30 Uhr kamen wir auf dem Weg zum Vali-Asr-Platz an der Metrostation Beheshti vorbei. Eine Gruppe von Spezialeinheiten der Revolutionsgarden, in Tarnanzügen und Schlagstöcke schwingend, stürmten plötzlich das Tor der Station, so dass die Leute, die gerade herauskamen, ängstlich wieder ins Innere flohen. Sieben oder acht Sicherheitsleute rannten hinein, die anderen verschlossen die Tore hinter ihnen und versperrten sie. Danach hörte man nur noch Schreie und dumpfe Schläge.

Wir haben bei den Demonstrationen etwas gelernt. Wenn die Affen angreifen, sollte man auf keinen Fall rennen, sondern auf dem Gehweg nah an den Schaufenstern bleiben und weiter gehen, oder einfach an einer Wand stehen bleiben. Normalerweise laufen sie dann an dir vorbei, hinter denen her, die rennen. Heute jedoch fuhren die Affen mit Motorrädern auf den Gehwegen, hielten ihre Schlagstöcke an die Wände und gaben Gas. Wenn sie keine Motorräder hatten, liefen sie einfach durch und schwangen ihre Knüppel, Stöcke oder Ketten. Es spielte keine Rolle, wen oder was sie damit trafen.

Ich werde hier nicht minutiös über den Tag berichten. Es war überwiegend eine pausenlose Abfolge heftiger Schläge, Blutergüsse und Blut, von der ich schnappschussartige Eindrücke behalten habe. Ich erinnere mich auch, einige Male Schüsse gehört zu haben. Auch mit Verhaftungen schien man wahllos zu sein. Wir sahen Basijis, die sich willkürlich junge Leute herausgriffen, sie auf die Knie zwangen, ihnen Handschellen und Augenbinden anlegten und sie dann fortbrachten.

Auf der Vali-Asr-Straße nördlich des Platzes beschimpfte ein Polizist laut einen alten Mann, weil er sich bei der Demonstration gezeigt hatte. Ein junger Mann ging zu dem Polizisten und gab ihm eine Blume, woraufhin der Polizist ihn schlug und auf den Gehweg warf. Der Junge rappelte sich auf und ging.

In den Schlägereien sahen wir auch Sicherheitskräfte und Basijis, die geschlagen oder von Steinen getroffen wurden. In der Karim-Khan-Straße nahe dem Vali-Asr-Platz jagte ein achtzehn- oder neunzehnjähriger Basij auf der Straße neben dem Gehweg einem Mann hinterher, wobei er einen Gummigurt schwang. Der Mann war kräftig, und der Basij war klein, pausbäckig, mit nur einem Anflug eines sprießenden Bartes. Zum ersten Mal konnte ich sehen, wie eine Technik angewandt wurde, über die ich schon gelesen hatte, die aber schwer umzusetzen ist. Mitten im Lauf stoppte der Mann unvermittelt auf der Stelle, drehte sich um, griff sich den verdutzten Basij und warf ihn gegen ein Auto. Der Basij brauchte ein paar Sekunden, um wieder aufzustehen. Als er sah, dass einige Leute sich auf ihn stürzen wollten, rannte er weg, aber sie erwischten ihn und begannen, ihn zu verprügeln. In diesem Augenblick tauchte ein Basij, etwa Mitte Fünfzig, mit kurzen weißen Haaren - der, den ich eingangs erwähnte - hinter einem Bus auf und lief in Richtung des Handgemenges, ebenfalls mit einem Gummigurt in der Hand, und versuchte, die Leute zu vertreiben und den anderen Basij zu befreien. Weitere Menschen tauchten auf und griffen ihn an. Er fiel einen Meter vor mir zu Boden und bekam Tritte und Faustschläge verpasst. In diesem Moment stieß eine Gruppe Basijis dazu, sie umringten die anderen beiden Affen und schleiften sie fort.

Später, am Haft-e Tir-Platz, sahen wir einen Basij - wieder einen älteren Mann - der seinen Kopf hielt und stark blutete. Ein anderer stützte ihn und half ihm über den Platz bis zu ihrem Lager.

Die Demonstration erreichte zu keinem Zeipunkt das Ausmaß und die Konzentration vom Quds-Tag. Es war gar nicht möglich. Alle flohen vor den Sicherheitskräften, gruppierten sich in den Seitenstraßen neu, oder erholten sich vom Tränengas und den Schlägen. Die größte Gruppe, die ich sah, marschierte auf der Karim-Khan-Straße und skandierte Parolen gegen die Regierung. Es waren höchstens 2oo oder 300 Leute. Von Zeit zu Zeit tauchten regierungstreue Demonstranten mit Lautsprechern und Parolen auf. Die größte dieser Gruppen bestand aus einigen hundert Leuten. Ich erinnere mich noch an eine ihrer neuen Parolen "Tod dem samtenen Dikator". Was auch immer das bedeutet.

Bevor ich gehe und zusammenbreche - ich bin nämlich völlig erschlagen, schmutzig und müde - möchte ich den 13. Aban mit Rafsanjanis Super-Duper-Plan verknüpfen. Seit seiner Entstehung und der vermeintlichen Entspannung zwischen Rafsanjani und Khamenei ist dieser Plan von vielen im Iran als trügerische Hoffnung und als Trick des Obersten Führers angesehen worden, mit dem er Zeit schinden und möglichst viel Ablenkung erreichen wollte. Der 13. Aban war ein weiteres gebrochenes Versprechen, eine weitere Kehrtwende, ein weiterer verlöschender Hoffnungsschimmer. Wir stehen einem Regime gegenüber, in dem es für Reformen in der Praxis keinen Ansprechpartner gibt. Weder die Führungsfiguren der grünen Bewegung, noch Rafsanjani, noch die Marjas (hohen Geistlichen, d. Übers.) haben es geschafft, dem Obersten Führer Zugeständnisse von irgendeiner Bedeutung abzuringen. Immer wieder höre ich: "Was werden sie jetzt sagen? Schon wieder dasselbe?" Der 13. Aban hat uns von den letzten Zweifeln befreit, dass es Khameneis Wille ist, die Opposition vollständig niederzuringen. Viele im Iran sehen in ihm einen Mann, der nicht verhandelt, und als den Täter, dem wir alles, was seit den Wahlen passiert ist, zu verdanken haben.

Die Luft in Teheran heute Nacht ist erfüllt von einem Summen. Es sind wütende Gespräche darüber, Gewalt mit Gewalt zu beantworten. Die Menschen verlieren die Geduld, und ich höre, wie man in die Sprache der Gegner verfällt. Ob das für uns ein gangbarer Weg ist oder nicht, wird die Zukunft zeigen, aber wir haben 1979 vor Augen. Wenn man uns die Hoffnung nimmt, wird es nicht lange dauern, bis Reformen einer gründlichen Instandsetzung weichen. Im Moment fragen sich viele, ob die Reformen in einer Sackgasse angekommen sind. Das Wort "Versöhnung" klingt mittlerweile seltsam. Vielleicht ist es lediglich eine Reaktion auf einen Tag voller Brutalität in den Straßen, oder eine existenzielle Phase, die nach sechs Monaten des sich-im-Kreis-Drehens unvermeidbar ist. Eines jedoch ist klar. Ganz am Anfang forderte die Bewegung die Rückgabe ihrer Stimmen. Heute treten sie für eine "Iranische Republik" den Führer mit Füßen. Vielleicht schafft er es, die Opposition zu vernichten, aber möge jemand seine Seele retten, wenn ihm das nicht gelingt.

Dienstag, 3. November 2009

Montazeri: Besetzung der US-Botschaft war ein Fehler

Veröffentlicht bei Radio Zamaaneh am 3. November 2009
Quelle (Englisch): http://www.zamaaneh.com/enzam/2009/11/photow01-on-the-occasion.html
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben



Anlässlich des Jahrestages der Besetzung der US-Botschaft in Teheran hat der gemäßigte Geistliche Ayatollah Hosseinali Montazeri das Ereignis, das er damals gebilligt hatte, neu überdacht. Er stellte fest: "Angesichts des negativen Effektes und der erhöhten Sensibilität", die das Ereignis in Amerika hervorgerufen habe, glaube er, dass es ein "Fehler" gewesen sei.

Der schiitische Geistliche fügte hinzu, es sei gleichbedeutend mit einer Kriegserklärung, die Botschaft eines Landes zu besetzen, das sich nicht "offiziell im Krieg" mit Iran befände. Er sagte weiter, selbst "manche der revolutionären und engagierten Jugendlichen, die damals beteiligt waren, heute denken, dass es ein Fehler war."

Ayatollah Montazeris veröffentlichte seine Statements als Antwort auf Fragen der Webseite Green Wave of Freedom. Er erklärte, "wenn es in unserem nationalen Interesse liegt, Beziehungen mit den USA wiederherzustellen, sollten wir nicht mit unbegründeten Parolen Misstrauen und Agitation provozieren."

Ayatollah Montazeris Meinung steht in totaler Opposition zu denen des obersten Führers, der am Sonntag unerbittlich die Beziehungen mit den USA verurteilt und die Politik der Regierung Obama kritisiert hatte. Er hatte sich vernichtend über Irans gegenwärtige Verhandlungen mit den Weltmächten geäußert und behauptet, das Ergebnis dieser Verhandlungen seien im Vorhinein von den USA festgelegt worden.

Ayatollah Montazeri hingegen erklärte, "Israel und seine amerikanische Lobby" seien die glühenden Gegner einer Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Iran und den USA und glaubten, ein Überleben der "gegenwärtigen Krise" sei in ihrem Interesse.

Er verurteilte weiterhin die engen Verbindungen Irans zu Russland: "Worin liegt der Unterschied zwischen Russland und den USA, warum sollten wir Russland gegenüber so viel Vertrauen haben, ihnen exorbitante Mengen unserer nationalen Schätze zu überlassen, aber mit den USA nicht einmal verhandeln und sprechen?"

Ayatollah Montazeri erklärte, die "Unterdrückung des Volkes und die durch die Präsidentschaftswahl herbeigeführte nationale Krise" in Iran habe selbst in internationalen Verhandlungen "die Haltung der Regierung geschwächt" und werde auf keinen Fall "dem Interesse des Landes oder der Menschen" dienen.

Er ermutigte die Behörden, eine "mutige und zweckdienliche" Entscheidung zu treffen und alle politischen Gefangenen freizulassen, alle verbotenen Medien wieder einzusetzen und alle Formen der Meinungskontrolle in Ämtern und Universitäten abzuschaffen.

Montag, 2. November 2009

Moussavi: Gefangene fordern ihre Wächter heraus

Veröffentlicht bei Radio Zamaaneh am 2. November 2009
Quelle (Englisch): http://www.zamaaneh.com/enzam/2009/11/photow01-opposition-leade.html
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben



Oppositionsführer Mir Hossein Moussavi hat anlässlich eines Besuchs bei der Familie von Feizollah Arabsorkhi, einem der nach der Wahl Inhaftierten, bemerkt, dass die politischen Gefangenen ihre Wächter "warhaft herausgefordert" hätten.

Feizollah Arabsorkhi ist eines der prominenten Mitglieder der reformorientierten Organisation der Mojaheddin der Islamischen Revolution und befindet sich seit über vier Monaten im Gefängnis.

Wie die Webseite Kalameh mitteilt, sagte Moussavi, er habe Informationen, dass die "Befrager in ihren täglichen Gesprächen und Dialogen mit den Kindern der Revolution herausgefordert" worden seien. Er fügte hinzu, es sei nur natürlich, dass diese Begegnungen bei den Befragern "Spuren hinterließen".


Moussavi unterstrich, dass es den politischen Aktivisten und Jugendlichen in den Protesten nach der Wahl nicht um "Sabotage oder Zerstörung" gegangen sei, dies müsse anerkannt werden.

Weiter sagte er: "Wenn die Medien frei wären und Menschen ihre Meinung sagen dürften, wären wir nicht in diesen Zustand geraten".

Nach den Protesten gegen die angebliche Fälschung der Präsidentschaftswahl und die konsequente Niederschlagung der Demonstrationen durch die Regierung wurden unzählige Internetseiten blockiert und mehrere Zeitungen verboten.

Moussavi zufolge könne die gegenwärtige Krise nur dadurch gelöst werden, dass "gegen die Beamten der Haftanstalt Kahrizak vorgegangen wird" und die Inhaftierten "öffentliche und faire Prozesse" erhalten.

Kahrizak ist die berüchtigte Haftanstalt, in der viele der nach den Wahlen Verhafteten angeblich gefoltert und missbraucht wurden.

Familien von politischen Gefangenen halten seit der vergangenen Woche Proteste ab. Heute versammelten sie sich vor dem Parlamentsgebäude in Baharestan und verlangten wiederholt die Freilassung ihrer Angehörigen.

Iranische Journalistin Hengameh Shahidi freigelassen

Veröffentlicht bei Radio Zamaaneh am 2. November 2009
Quelle (Englisch): http://www.zamaaneh.com/enzam/2009/11/iranian-journalist-hengam.html
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben


Hengameh Shahidi, eine der nach den Wahlen im Iran verhafteten Personen, ist am Sonntag gegen eine Kaution von 900 Millionne Rial freigelassen worden. ISNA zufolge wurde die Freilassung vom Islamischen Revolutionsgericht angeordnet.

Shahidi war seit dem 30. Juni inhaftiert und befand sich seit vergangener Woche aus Protest gegen die unklaren Anklagepunkte gegen sie im Hungerstreik.

Die Webseite Nowrouz berichtet, dass der Teheraner Staatsanwalt Abbas Jafari Dowlatabadi sie gebeten habe, den Hungerstreik zu beenden. Der Bericht fügt hinzu, dass sie während eines Termins in Abteilung 26 des Gerichts "das Bewusstsein verlor, weil sie durch den Hungerstreik geschwächt war. Sie wurde sofort in die Krankenhausabteilung des Evin-Gefängnisses gebracht."

Die Journalistin, die an einer Herzerkrankung leidet, befand sich während ihrer Haft Berichten zufolge unter "hohem physischem und mentalem Druck".

In den vergangenen Tagen wurden auch der Chefredakteur der Tageszeitung Etemad-e Melli, Mohammad Ghouchani, und der Chefberater von Mehdi Karroubi, Morteza Alviri freigelassen. Beide waren im Zuge der Ereignisse nach den Wahlen verhaftet worden.

Familien von politischen Gefangenen versuchen, mit Kundgebungen und Hungerstreikdrohungen die Regierung zur Freilassung ihrer Angehörigen zu bewegen.

Am heutigen Montag versammelten sie sich vor dem Parlamentsgebäude, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.

Viele prominente Mitglieder reformorientierter Parteien des Iran befinden sich noch immer in Haft.

Sonntag, 1. November 2009

Karroubi erneuert Wahlbetrugs-Vorwürfe

Veröffentlicht bei Radio Zamaaneh am 1. November 2009
Quelle (Englisch): http://www.zamaaneh.com/enzam/2009/11/karroubi-renews-his-alleg.html
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben.
















Mehdi Karroubi hat heute anlässlich einer Rede bei einem Treffen mit dem Zentralrat der Universitäts-Alumni daran festgehalten, dass bei der 10. Präsidentschaftswahl im Iran Stimmen "rationiert" wurden.

Karroubi sagte, Mahmoud Ahmadinejad seien 25 Millionen Stimmen zugeteilt worden, ihm selbst 330.000 Stimmen.

Diese Zahlen waren als die von den beiden Kandidaten erhaltenen Stimmen vom Wächterrat bestätigt worden. Ayatollah Khamenei, der oberste Führer von Iran, hatte am Tag nach der Wahl Ahmadinejads Sieg mit 24 Millionen Stimmen bestätigt und die Wahl für gültig erklärt.

Mahmoud Ahmadinejads Gegner, Mehdi Karroubi, Mir Hossein Moussavi und Mohsen Rezai stellten das Ergebnis in Frage. Während der konservative Kandidat Rezai seine Beschwerde später zurückzog, setzen Karroubi und Moussavi ihre Proteste gegen den vermuteten Wahlbetrug fort und bestreiten die Legitimität der gegenwärtigen Regierung.

Mehdi Karroubi sagte der Aktivistengruppe gegenüber, die gegenwärtige Situation des Landes sei "hochsensibel", der Aufstieg der zehnten Regierung sei nicht das Ergebnis von lediglich "einer oder zwei Nächten der Planung".

Er erklärte: "Die Islamische Republik hat ihre Gleise verlassen, und wir wollen sie wieder auf die Gleise zurückbringen. Die Islamische Republik hängt nicht von einer einzelnen Person ab, anderenfalls würde sie mit dem Weggang dieser Person verschwinden. Wären alle Prinzipien der Verfassung eingehalten worden, wäre das Land jetzt nicht mit solchen Problemen konfrontiert."

Karroubi war von konservativen Lagern des Establishments scharf angegriffen worden, weil er Berichte über "Folter und Misshandlung" an nach den Wahlen verhafteten Gefangenen verfolgt hatte. Er hatte angekündigt, in seinen Forderungen nach Gerechtigkeit nicht nachzulassen.