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Donnerstag, 22. Oktober 2009

Interview mit Shiva Nazar Ahari über ihre Haft nach den Wahlen

Quelle (Persisch): http://www.schrr.net/spip.php?article6350
Übersetzung ins Englische: persian2english
Quelle (Englisch): http://wp.me/pDjBz-c3
Deutsche Übersetzung: Julia
Bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben

Interview mit Shiva Nazar Ahari über ihre Haft nach der Wahl
Von: Mojtabab Sami Nejad


"Öffentlicher Druck kann die Freilassung von politischen Gefangenen bewirken"

Die Menschenrechtsaktivistin und Frauenrechtsverteidigerin Shiva Nazar Ahaari ist eine der Studentinnen, gegen die ein Studienverbot erlassen wurde. Sie wurde am 14. Juni verhaftet, ganz am Anfang der Verhaftungswelle gegen politische und soziale Aktivisten nach der Präsidentschaftswahl. Ahaari verbrachte 120 Tag in Evin, davon 30 in Einzelhaft. Es folgt ein Interview mit ihr über ihre Verhaftung und die generellen Bedingungen für Gefangene in Evin.

************************

Wie sind Sie verhaftet worden?

Es war gegen Mittag am 14. Juni. Ich war an meiner Arbeitsstelle, als ein Untersuchungsbeamter des Geheimdienstministeriums anrief und mir mitteilte, ich solle nach unten kommen. Als ich fragte, wie lange es dauern würde, antwortete er, ich sollte mich verabschieden (vermutlich von meinen Kollegen).

Sie hatten schon am frühen Morgen versucht, mich zu Hause zu verhaften, aber da ich nicht zu Hause war, hatten sie damit keinen Erfolg. Auf meinem Weg zur Arbeit wusste ich, dass ich verhaftet werden würde, aber ich wollte nicht davonlaufen. Als sie bei mir zu Hause waren, nahmen sie mein Harddrive, 30 CDs, einige Blätter Papier aus Kampagnen mit Unterschriften, ein paar Broschüren über Straßenkinder, und andere derartige Ding mit.

Ich packte meine Sachen und wartete vor dem Büro. Einige Minuten später kamen sie. Bevor ich ins Auto stieg, wollte ich ihren Haftbefehl sehen. Sie zeigten mir eine Kopie, auf der zu lesen war "Da einige Personen seit den Wahlen Chaos und Unruhe verbreiten wollen, wird darum gebeten, zügig zu handeln und die Organisatoren und Kollaborateure zu identifizieren."

Das erschien mir ziemlich seltsam. Ich fragte: "Was hat das mit mir zu tun?" Sie erklärten, es handle sich um einen allgemeinen Vollstreckungsbefehl. Dann brachten sie mich zum Auto.

Wohin brachte man Sie nach Ihrer Verhaftung?

Wegen eines Missverständnisses wurde ich in eines der Gebäude des Geheimdienstministeriums an der Vali Asr-Kreuzung gebracht. Je mehr Zeit verging, desto mehr Verhaftete wurden gebracht. Ich wurde dort bis 5:30 Uhr morgens festgehalten. Wir wurden nicht gut behandelt dort.

Von Anfang an haben die Beamten uns mit Schimpfworten bedacht. Weil ich mich im Auto weigerte, den Kopf unten zu halten, wurde ich mit einem Stock geschlagen. Das taten sie, um mir zu verstehen zu geben, dass meine Situation jetzt eine andere war. Ich wurde nach Evin in Abteilung 209 gebracht.

Nach den Wahlen am 12. Juni wurden viele Aktivisten wegen der unterschiedlichsten Anschuldigungen verhaftet. Eine Anklage hatten sie aber alle gemeinsam: Die Unruhen nach der Wahl. Wessen hat man sie beschuldigt?

Ich wurde am 15. Juni darüber informiert, dass mir Bedrohung der nationalen Sicherheit durch Zugehörigkeit zu den iranischen Volksmujaheddin und durch Organisation von Massendemonstrationen - oder, wie sie es nannten, Unruhen - vorgeworfen wird.
Was davon tatsächlich auf mich und meine Arbeit zutrifft, ist eine Frage, die sie mir noch beantworten müssen. Offenbar waren solche Anschuldigungen zu der Zeit aber üblich und wurden gegen die meisten erhoben. Damals fand ich auch heraus, dass jeder in ihren Augen mit den Mujaheddin zu tun hat, solange das Gegenteil nicht bewiesen ist. Der Gedanke, dass ich nichts mit den Mujaheddin zu tun haben könnte, geht über ihr Begriffsvermögen.

Während der Verhöre kamen noch andere Vorwürfe hinzu, wie zum Beispiel, dass ich gegen die nationale Sicherheit aktiv war, indem ich Mitglied in illegalen Gruppierungen war, ausländischen Medien Interviews gab, oder durch Organisation von und Teilnahme an Massendemonstrationen.

Wie waren die Verhöre in diesen 102 Tagen?

Ich hatte während meiner Zeit im Gefängnis 14 Verhörsitzungen, was im Vergleich zu der langen Zeit, die ich dort war, wenig erscheint. Wenn entscheiden müsste, was die schlimmste Folter war, so würde ich sagen, dass es die Unsicherheit war. Sie lassen einen 20 Tage lang ohne Verhör in Einzelhaft, ohne Nachrichten, ohne das Recht, die Familie zu kontaktieren oder zu sehen. Ich habe sehen können, dass diese Unsicherheit vielen der Gefangenen sehr zugesetzt hat. Diejenigen, die noch nie Einzelhaft erlebt haben, leiden unglaublich darunter (bezogen auf das psychologische Leiden)

Wie ging es den anderen Insassen? Überhaupt, wie war die allgemeine Atmosphäre im Gefängnis und während der Verhöre?

Anders als viele glauben, sogar anders als wir dachten, die wir mit Fällen politischer Gefangener zu tun hatten, werden populäre und bekannte Personen in Abteilung 209 nicht geschlagen oder körperlich misshandelt. Dieses Mal jedoch war die Situation eine völlig andere. Körperliche Folter, Missbrauch, Degradierung von Häftlingen sowie schwere Schläge waren bei den männlichen Gefangenen verbreitet. Sogar weibliche Häftlinge wurden gelegentlich geohrfeigt ("slap"), um sie zu demütigen.

Eine Art der Folter ist die Einzelhaft. Die Einzelhaft und die fehlenden Nachrichten aus der Außenwelt beraubt einen Menschen jeglicher Kritikfähigkeit. Ich bin froh, dass sie dieses Mal aus Platzmangel nicht alle Häftlinge in Einzelhaft nehmen konnten, insbesondere die Frauen.

Kein Telefon zu haben, keinen Besuch empfangen zu dürfen und die Probleme bei der Benutzung von sanitären Anlagen vergrößerten den Druck auf die Häftlinge noch. Dazu kamen dann noch das Weinen und die Schreie von Männern und Frauen, das jeden Tag und jede Minute in den Gängen zu hören war.

Wenn ich die Fälle dokumentieren sollte, die dem Gesetz und den bürgerlichen Rechten nach als Folter gelten, müsste ich ein Buch schreiben. Die Fälle, die ich hier erwähnt habe, sind die plastischeren Beispiele, die sowohl physisch als auch psychisch wirkten.

Die Häftlinge wurden in der unerträglichen Sommerhitze in einer Zelle zusammengepfercht. Fünf, manchmal sogar sechs Personen teilten sich eine 10-Meter-Zelle. Lüften (oder Atmen - "ventilation") war da unmöglich.

Aber Mitte Juli erhielten einige der Zellen im Frauentrakt Klimaanlagen. Die Situation war so schrecklich, dass sich sogar das Wachpersonal beschwerte. Es waren so viele verhaftet worden, dass man einfach nicht genug Platz hatte, um sie alle unterzubringen.

Wie war die Situation der anderen Häftlinge, und mit wem waren Sie in einer Zelle?
Den meisten Häftlingen erging es ähnlich. Alle wurden absolut im Ungewissen gelassen. Niemand von uns wusste irgendetwas über das, was draußen vor sich ging, und wenn wir Informationen bekamen, waren diese minimal. Die Verhöre waren immer sehr schwer, obwohl jedem etwas anderes zur Last gelegt wurde.

Ich teilte meine Zelle mit 7 bis 8 Personen. Vier von ihnen standen in Verbindung mit den Unruhen nach der Wahl. Moralische Verhöre wurden aktiv durchgeführt. Sie versuchten, Geständnisse von den Leuten zu bekommen, indem sie ihnen moralische Korruptheit vorwarfen.

Als ich herauskam, stellte ich fest, dass diese Szenarien auch draußen üblich waren. Als ob die, die in den Kampagnen mitgearbeitet hatten, eigentlich etwas anderes beabsichtigt hätten. Das ist mir persönlich zwar nicht passiert, aber ich weiß von vielen Gefangenen, die damit unter Druck gesetzt wurden.

Die meisten meiner Zellengenossinen wurden im Verlauf meiner Haft entlassen, bis auf zwei.
Interessant ist, dass eine davon am 40. Todestag der nach den Wahlen ums Leben gekommenen Toten verhaftet wurde. Diese Person befindet sich noch immer in Abteilung 209. Kobra Zareh Doost wurde zusammen mit ihrem Mann verhaftet. Seine psychische Verfassung war extrem schlecht. In ähnlich gelagerten Fällen behalten sie einen Gefangenen einige Wochen und entlassen ihn gegen Kaution, aber dieses Paar ist seit fast 80 Tagen im Gefängnis, und es gibt kein Anzeichen für eine baldige Freilassung. Sie sind nicht politisch aktiv und haben nicht einmal an einer Demonstration teilgenommen. Sie waren lediglich zum Friedhof Behesht-e Zahra gefahren (ein riesiger Friedhof, wo auch die Opfer der Wahlproteste beerdigt wurden).

Sie sind Menschenrechtsaktivistin und verteidigen Gefangene. Werden diese dreieinhalb Monate, die Sie im Gefängnis verbracht haben, Ihre Arbeit beeinflussen? Glauben Sie, dass Sie die Gefangenen und ihre Problem jetzt verstehen?

Die Bedingungen waren mir vertraut. In 2002 und 2004 war ich in den Abteilungen 209 imd 240 gewesen, und ich war sogar in der Vozara-Haftanstalt (für Frauen). Als ich über Einzelhaft sprach, hatte ich eigentlich eine Vorstellung davon. Als ich die Zellen in Abteilung 209 beschrieb, wusste ich, wovon ich rede. Auch wenn ich damals nicht so lange im Gefängnis war, so hatte ich es trotzdem schon erlebt.
Ich glaube nicht, dass es einen großen Unterschied gibt, ich war nur länger dort als vorher. Ich habe die Haft als besondere und ernste Zeit erlebt. Wenn ich sage "besonders", dann meine ich damit, dass die Stimmung im Land sehr einzigartig war, und wir wussten nicht, was am Ende mit uns passieren würde. Die Umstände waren anders als sonst. Manchmal sagte ich mir, dass wir vielleicht dazu bestimmt waren, geopfert zu werden.

Während Sie im Gefängnis waren, hat sich im Iran einiges ereignet - Massendemonstrationen und Tote auf den Straßen. Hatten Sie Zugang zu diesen Informationen? Und wenn Sie gerade erst davon erfahren haben - was denken Sie darüber?

Bis zu dem Tag, an dem ich in Einzelhaft kam, hatte ich kein klares Bild der Ereignisse. Ich habe sogar gedacht, dass nach den ersten Tagen alles vorbei war. Aber zuweilen habe ich in meinen Telefongesprächen herausgehört, dass es immer noch Demonstrationen gab. Nachdem ich in eine Gemeinschaftszelle verlegt worden war, gab es dort Leute, die Wochen nach mir verhaftet worden waren. Ich erfuhr von ihnen, dass Millionen auf die Straßen gegangen waren. Um ehrlich zu sein, fiel es mir schwer, mir das vorzustellen. Aber dann merkte ich, dass es außen Aktivitäten gab. Später durften wir fernsehen, und wir konnten die Nachrichten sehen und analysieren.

Wenn ich heute die Filme und Bilder dieser Tage sehe, dann weiß ich, dass das, was außerhalb des Gefängnisses passierte, viel größer war als ich mir hatte vorstellen können, und ich kann die Gewalt noch immer nicht begreifen. Die Bilder, die Fotos, und die Toten haben mich wirklich aufgewühlt. Andererseits - wenn die Menschen nicht auf die Straße gegangen wären, hätte die Gefangenen ein anderes Schicksal erwartet.

Wie beurteilen Sie Ihren Fall? Was wird jetzt passieren?

Ich kann über meinen Fall nichts mit Sicherheit sagen. Nehmen wir an, dass man auf gesetzlicher Basis über unsere Fälle entscheidet, dann müssten wir für unsere grundlose Verhaftung entschädigt werden, und man müsste uns erklären, was passiert ist. Ich kann nichts mit Sicherheit sagen, aber ich weiß, dass ich vom gesetzlichen Standpunkt betrachtet freigesprochen werden müsste.
Ich denke, alles hängt von der Situation in der Gesellschaft ab. Der öffentliche Druck wird dazu führen, dass die politischen Gefangenen freikommen. So, wie es bisher auch gewesen ist.

Sonntag, 20. September 2009

Revolte und Repression in Teheran: Ein Augenzeugenbericht

Quelle (Englisch): http://rabble.ca/news/2009/09/revolt-and-repression-tehran-eyewitness-account
Übersetzung: Julia

Es war ein ruhiger Tag in Teheran. Am Vortag hatte es weitere blutige Demonstrationen gegeben. Glücklicherweise hatte ich einen Termin bei meinem Therapeuten, und ich wartete auf mein Taxi, um nach Hause zu fahren.

Ich war zehn Tage vor dem Wahltag nach Iran gekommen, um zu wählen. Ich war positiv überrascht von dem anderen Gesicht, das Iran mir zeigte: Ein Gesicht voller Hoffnung und Optimismus und Einigkeit in der Unterschiedlichkeit. An jeder Straßenecke und in den vollen Geschäften, mitten im Verkehrssmog und auf den Parties in den besseren Wohnvierteln wurde über Politik gesprochen.

Auch wenn Theorien über die Wirkungslosigkeit des Wählens nicht selten waren, traf ich auf eine Mehrheit, die Veränderungen wollte. Die meisten mochten Mousavi oder Karroubi - die beiden führenden Reformkandidaten - nicht einmal, aber sie wollten "nein zu Ahmadinejad" sagen. Die Ahmadinejad-Fans mochten seine direkte Art und seinen bescheidenen Hintergrund. Sie glaubten, er würde das Öl-Geld zurück in ihre Häuser bringen.

An dem sonnigen Nachmittag des 12. Juni stand ich in einer sehr, sehr langen Schlange, um meine Stimme abzugeben. Zahllose SMS kursierten, in denen gewarnt wurde, man solle seinen eigenen Stift benutzen, und ähnliche Taktiken, um jegliche Betrugsversuche zu demontieren.

Am nächsten Tag strömten Tausende fassungslose Menschen auf die Straßen, die meisten mit einem grünen Band am Handgelenk - dem Symbol der Kampagne von Mousavi. Gegen den Willen und die Sorgen meiner Familie war ich dabei. Eine Woche später befand Teheran sich im Chaos, und der Oberste Führer Ayatollah Khamenei bestätigte Ahmadinejads Erdrutschsieg.

In einer Ecke des kalten, hellen Wartezimmers stand der auf lautlos gestellte Fernseher. Kanal Eins, einer der 6 staatseigenen Kanäle, zeigte ein Kochprogramm. Kochprogramme, Tom & Jerry, Wiederholungen alter Serien - so etwas wurde im Fernsehen gesendet, während seit drei Wochen Massenproteste gegen die Wahlergebnisse stattfanden.

Die drei unterlegenen Kandidaten drückten ihre Besorgnis über die gefälschten Ergebnisse aus. Mousavi und Karroubi jedoch, die beiden Oppositionsführer, setzten ihre Anschuldigungen fort und forderten die Menschen zu friedlichen Protesten auf.

Zwei Millionen Menschen später waren Irans Gefängnisse gefüllt mit politischen Gefangenen, die der Spionage, der Planung einer "Samtenen Revolution" und des versuchten Umsturzes des Regimes beschuldigt wurden. Woche für Woche starben Menschen in den Straßen oder wurden gefoltert und vergewaltigt, verletzt und gebrochen freigelassen.

“Ihr Taxi wird bald hier sein", sagte die Frau am Empfang. Die einzigen Wartenden waren ich und ein junger Mann mit kurzem Haar, sehr schlanker Statur und aufgesprungenen Lippen. Ich lächelte ihm zu. "Sie kommen auch zu Dr. L.?" fragte ich. "Ja, schon. Aber ich war ein paar Wochen weg. Er ist ein großartiger Arzt". Er lächelte mir schwach, aber liebenswürdig zu. Etwas brachte mich dazu, ihm die etwas unangebrachte Frage zu stellen: "Wo waren Sie?"

“In Evin,” antwortete er.

Der schreckliche Name des berühmtesten Gefängnisses in Iran hallte im Raum wider. Nordöstlich von Teheran gelegen, ist Evin berüchtigt als Gefängnis für politische Häftlinge und seine angeblich brutalen Verhöre. Es wurde wenige Jahre vor der Islamischen Revolution vom Schah von Iran gegründet, um Häftlinge unterzubringen, die auf ihren Prozess warteten. Nach und nach verwandelte es sich in einen furchtbaren Ort voller politischer Gefangener, von denen viele nicht lebend wieder herauskamen.

Angesehene iranische und internationale Gallionsfiguren sind über die dazwischenliegenden Jahre hinweg in Evin inhaftiert und wieder freigelassen worden, mit Anklagen wie Spionage, Bedrohung der nationalen Sicherheit etc. Zahra Kazemi, eine iranisch-kanadische Fotografin, starb in Evin eines verdächtigen Todes, nachdem sie verhaftet worden war, weil sie das Gefängnis von außen fotografiert hatte. Die Autopsie ergab, dass ihr Schädel und mehrere Körperteile gebrochen waren. Die iranisch-kanadischen Beziehungen verschlechterten sich, nachdem iranische Behörden wiederholt bestritten, dass Kazemi eines "unnatürlichen" Todes gestorben sei.

Ich drehte mich auf meinem Stuhl um und sah den jungen Mann an. "Wann? Was ist passiert? Ich meine - wenn ich fragen darf."

“Bei der ersten Demonstration. Ich bin vor drei Tagen freigelassen worden.”

“Was haben sie gemacht?” fragte ich.

“Das Übliche,” sagte er sarkastisch. Er musste nichts sagen. Wir alle kannten die Übung...

“Zuerst waren wir 18 in einem Raum. Dann wurden einige in Einzelhaft gebracht, andere zu zweit in andere Räume". Seine Stimme klang ruhig, aber seine Augen waren müde.

Alles, was ich denken konnte, war “Was haben sie mit Ihnen gemacht?”

“Zuerst schlagen sie dich sehr viel. Oder sie hängen dich kopfüber auf, peitschen dich aus, treten dich, schlagen dir ins Gesicht und solche Sachen. Und es gibt kaum etwas zu essen. Aber dann wird es... entwürdigender."

Die Empfangsmitarbeiterin rief nach ihm. Nervös drückte ich ihm mein Mitgefühl aus, um ihn wissen zu lassen, dass wir alle hinter ihm stehen. Er wünschte mir Glück und ging zum Sprechzimmer, wobei er mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht seine Hand ausstreckte.

“Es ist furchtbar,” sagte die Mitarbeiterin. Sie war etwas über Dreißig, in vollem Make-up und mit einem besorgten Blick. Sie fuhr mit gesenkter Stimme fort: "Es geht ihm jetzt so viel besser. Er war über drei Wochen dort."

“Gab es dort... sexuelle Übergriffe?"

“Ja... er ist zum dritten Mal hier. Zuerst hat er kein Wort gesagt... er ist erst 19."

Am 31. Juli veröffentlichte Karroubi einen umstrittenen Brief an den einflussreichen und kritischen Geistlichen Hashemi Rajsanjani.

“Einige Häftlinge haben berichtet, dass bestimmte Personen einige der inhaftierten Mädchen so schlimm vergewaltigt haben, dass die Opfer entsetzliche Verletzungen und Schäden der Fortpflanzungsorgane davontrugen... andere haben die jungen Männer mit solcher Gewalt vergewaltigt... sie liegen seitdem bei sich Hause in der Ecke."

Er wurde von führenden Konservativen, die die Vorwürfe bestritten, hitzig attackiert; er wurde als "mental instabil" bezeichnet. Sie kritisierten ihn dafür, dass er das Image des Regimes angriff, während andere ihm für seinen Mut applaudierten, mit der Entühllung der Vorgänge hinter den Gitterstäben ein Tabu zu brechen.

Zwei Tage später schloss die Regierung seine Zeitung.

Seit den Unruhen im Juni sind mehr als 100 politische Schlüsselfiguren verhaftet worden. Inoffizielle Quellen berichten, dass es mehr als 2000 Verhaftungen und ungefähr 300 Tote gegeben hat. Man muss nur einen Blick auf die Hunderte von Familienangehörigen und Freunden werfen, die vor den Toren Evins warten, um eine Vorstellung davon zu erhalten, wie voll es innen sein muss.

Ramin Jahanbagloo, ein renommierter iranisch-kanadischer Intellektueller, der für seine Arbeiten über gewaltlosen Widerstand bekannt ist, hat Evins berüchtigte Zelle 209, die "Hochsicherheitsabteilung" des Gefängnisses, am eigenen Leib erfahren. Bei seiner Rückkehr von einer akademischen Konferenz in Indien wurde Jahanbagloo 2006 verhaftet und verbrachte 125 Tage in Einzelhaft.

“Auf dem Flughafen kamen mehrere Männer auf mich zu und forderten mich auf, ihnen zu folgen... sie drückten meinen Kopf im Auto nach unten und bedeckten meinen Kopf. Nach einer halben Stunde hielten sie an... 'Hier ist der letzte Halt' flüsterte ein Mann mir zu. Ich begriff, dass ich in Evin war. Und am nächsten Tag begann mein Verhör."

Er wurde gegen Kaution freigelassen, allerdings erst, nachdem er ein schriftliches Geständnis veröffentlicht hatte - das komplett falsch war. "Sie lassen dich nicht gehen, bevor du akzeptierst, was immer sie sagen. Allein der psychologische Druck lässt dich alles tun, um herauszukommen", erinnert sich Jahanbagloo.

In den letzten drei Wochen haben eine Reihe wichtiger Reformer, Journalisten und Aktivisten Geständnisse abgelegt und sich in Fernsehprozessen entschuldigt.

Diese sogenannten Schauprozesse erinnern in hohem Maße an die postrevolutionären Prozesse in den Achtziger Jahren und an die Schauprozesse der Stalinzeit in Moskau und lösten innerhalb der allgemeinen Öffentlichkeit eine breite Gegenreaktion aus. In allen Fällen widerriefen die Gefangenen ihre Ansichten und entschuldigten sich.

Die Legitimität der Wahlen, des Obersten Führers, und wohl auch der Islamischen Republik selbst sind zweifelhaft geworden. Die gesamte Opposition zum Regime - angefangen beim jungen, ruhelosen Straßendemonstranten, bis hin zu reformorientierten Regierungskritikern - wird mit gezielter Kraft angegriffen.

Ein anderes Gefängnis, Kahrizak, ein anderer "Hot Spot" für junge verhaftete Demonstranten, wurde auf Anweisung des Ayatollah geschlossen. Er erklärte, die Schließung des "Guantanamos von Iran" erfolge auf Grund von Meningitis. "Diese jungen Leute wurden in riesige Container geworfen", sagt Jahanbagloo.

Berichte von grausamen Vergewaltigungen und den daraus folgenden verheerenden Verletzungen kursierten in den alternativen Medien. Diese Berichte wurden von der Regierung bestritten.

Ein 22jähriger, der wegen Interviews mit ausländischen Medien eingesperrt war, berichtete mir, dass Wachleute ihn geschminkt hätten, bevor sie ihn und einige andere Insassen aufforderten, im Fernsehen ausländische Kräfte zu beschuldigen und Aufstände organisiert zu haben.

Karroubis provokanter Brief hat die Front der Opposition gestärkt. Als er aufgefordert wurde, "Beweise" für seine Behauptungen vorzulegen, präsentierte er am 26. August vier Fälle und fügte hinzu, dass viele der Opfer sich nicht sicher genug fühlten, um ihre Identität und ihre Erfahrungen öffentlich zu machen.

Was die normalen Bürger betrifft, die die Brutalität der Situation nach der Wahl miterlebt haben, gehen die benötigten "Beweise" in der Zwischenzeit die Straßen entlang, sitzen in ihren Zimmern oder liegen in einem Krankenhausbett, wenn sie nicht begraben sind.

Und obwohl die Hardliner noch immer versuchen, die verstörenden Nachrichten zu vertuschen - wörtlich betrachtet, mit Studio-Schminke - stellt die internationale Gemeinschaft ein Instrumentarium zusammen (vom Abzug ihrer Botschafter bis hin zu weiteren wirtschaftlichen Sanktionen), um die Menschenrechtsverletzungen im Iran zu untersuchen.

Bis dahin bleiben die Mitarbeiter in Evin beschäftigt.

Tara Le Tout studiert Journalismus an der Ryerson Universität.

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Siehe dazu auch: "Ein Ort namens Evin"
http://lilalinda-juliasblog.blogspot.com/2009/09/ein-ort-namens-evin.html


Samstag, 5. September 2009

Ein Ort namens Evin

Ein Ort namens Evin








von Fariba Amini
4. September 2009

Original (Englisch): "A Place Called Evin" http://www.iranian.com/main/2009/sep/place-called-evin
Übersetzung: Julia


Dieser Bericht ist den mutigen Männern und Frauen Irans gewidmet, die mit ihrem Blut und ihrem Mut die Freiheit ihrer Heimat hoch gehalten haben und weiterhin hoch halten werden... Für Neda und Sohrab, die nur wollten, dass ihre Stimmen gezählt werden und deren Stimmen für immer zum Schweigen gebracht wurden...

Evin, dessen Name sich von einem Dorf im Alborz-Gebirge nördlich von Teheran ableitet, wurde 1971 während der Regierungszeit von Mohammad Reza Shah Pahlavi erbaut. Zuvor hatte dort der pro-britische Politiker Seyyed Zia'eddin Tabatabaei gelebt, der unter Ahmad Shah, dem letzten Schah der Qajar-Dynastie, Premierminister gewesen war. Nach seinem Tod ging sein Anwesen in den Besitz der SAVAK über und wurde dann zu dem gemacht, was heute als Evin-Gefängnis bekannt ist. Es ist ein mehrere Hektar großes, von einer Mauer umgebenes Gelände. Wenn man aus dem Zentrum Teherans nach Norden fährt, kommt man mit großer Wahrscheinlichkeit dort vorbei. Vor dem Gefängnis stehen immer Wachen und Familien, die darauf warten, ihre Angehörigen sehen zu können.

Evin ist bekannt als Haftanstalt für politische Gefangene, insbesondere seine Abteilung 209 ist berüchtigt dafür. Es ist aber auch ein Gefängnis für viele gewöhnliche Straftäter und Kriminelle. In vielen Fällen sind politische Gefangene mit anderen Gefangenen zusammen in einem Block untergebracht. Ursprünglich beherbergte das Gefängnis 320 Insassen, es gab 20 Einzelzellen und ungefähr 300 Gemeinschaftszellen. Zu jener Zeit befanden sich annähernd 1500 Gefangene in Evin.

Zu Zeiten des Schahs war Evin ein Internierungszentrum für viele revolutionäre Gruppierungen wie die Mujaheddin, Fedayeen und Peykar, sowohl marxistische als auch islamische. Mitglieder und Sympathisanten der iranischen pro-sowjetischen kommunistischen Partei (Tudeh) wurden ebenfalls dort festgehalten. Viele prominente Kleriker wie Großayatollah Montazeri und Ayatollah Taleghani waren vor 1979 ebenfalls dort inhaftiert. Hashemi Rafsanjani war einst als Gefangener dort. Ali Khamenei, der "Oberste Führer", ist ein anderer Gefangener, der eine Zeit in Evin verbracht hat. Selbst Assadollah Lajervadi, der später Leiter des Gefängnisses wurde (und den Titel "Schlächter von Evin" erhielt), hat vor 1979 einige Zeit dort zugebracht, weil er angeblich versucht hatte, das El-Al-Büro in Teheran in die Luft zu sprengen.

Das berühmteste/tragischste Ereignis vor der Revolution von 1979 geschah in den Hügeln von Evin am 19. April 1975, als Bijan Jazani und seine Gruppe (8 Personen) weggebracht und von hinten erschossen wurden. Angeblich hatten sie versucht zu fliehen.

“Wir brachten die Gefangenen in die Hügel oberhalb Evins. Ihre Augen waren verbunden und ihre Hände gefesselt. Wir holten sie aus dem Minibus und ließen sie sich auf den Boden setzen. Dann sagte Attarpour zu ihnen, dass wir beschlossen hatten, sie zu exekutieren, so wie ihre Freunde unsere Kameraden getötet hätten. Er war der Kopf hinter den Exekutionen. Jazani und die anderen begannen zu protestieren. Ich weiß nicht, ob es Attarpour oder Colonel Vaziri war, der zuerst eine Maschinenpistole zog und begann, auf sie zu schießen. Ich weiß nicht mehr, ob ich der Vierte oder der Fünfte war, dem sie die Maschinenpistole gaben. Ich hatte so etwas noch nie zuvor getan. Am Ende schoss Sa'di Jalil Esfahani [ein weiterer SAVAK-Agent, bekannt unter dem Namen Babak] sie in den Kopf, um sicherzustellen, dass sie tot waren."
(Aus dem Bericht des früheren SAVAK-Agenten Bahman Naderipour).

In seinem Buch "Tortured Confessions" behauptet Dr. Ervand Abrahamian, dass die Zahl der Inhaftierten in Evin nach der Revolution auf fast 15.000 anstieg, viele von ihnen warteten dort auf ihren Prozess. "Theoretisch war Evin an sich eine Haftanstalt für Gefangene, die auf ihren Prozess warteten. Nach dem Prozess wurden diejenigen mit langen Haftstrafen nach Qesel Hesar verlegt, diejenigen mit kürzeren nach Gohar Dasht. In der Realität diente Evin als reguläres Gefängnis, denn viele warteten jahrelang auf ihre Prozesse. Prominente Gefangene verbüßten oft ihre gesamte Haft in Evin."

Unter all den Häftlingen in Evin waren viele berühmte Gefangene, wie Masoud Rafavi (der Führer der Mojaheddin Khalgh), Shorollah Paknejad und Saeid Soltanpour. Alle drei wurden nach der Revolution freigelassen, aber die letzten beiden wurden in der Zeit der Islamischen Republik hingerichtet. Eine iranische Zeitung berichtete: "Shokrollah Paknejad, ein von Ayatollah Rouhollah Khomenini verdammter iranischer Oppositionsführer, ist hingerichtet worden, sagte ein Beamter des Evin-Gefängnisses heute." Paknejad wurde 1982 hingerichtet. Kurz nach der Revolution wurde der Dichter Saeid Soltanpour am Abend seiner Hochzeit auf Anweisung des neuen Regimes in Teheran und Qom zum Galgen geführt. "Ich kann noch immer die Worte von Saeed Soltanpour (dem hingerichteten iranischen Dichter) hören, der einst die berühmte Frage stellte: Was ist mit meinem Land geschehen?" schreibt Housang Asadi, Journalist und selbst politischer Häftling, der ebenfalls inhaftiert und grausam gefoltert wurde. Asadi war 16 Jahre lang im Gefängnis, erst unter Schah Pahlavi und später unter dem islamischen Regime. Tatsächlich teilte Houshang Asadi eine Zeitlang seine Zelle mit dem "Obersten Führer".

Im Jahr 1979, gleich nach der Revolution, wurden auf direkte Anordnung von Dr. Shapur Bakhtiar, der nur 37 Tage lang Premierminister war, die Türen von Evin und anderen Gefängnissen geöffnet, alle politischen Gefangenen kamen frei. Es war ein glücklicher Tag für die Gefangenen und ihre Familien. Bakhtiar schrieb: "In den ersten Tagen meiner Amtszeit ordnete ich die Öffnung der iranischen Gefängnisse an und ließ alle politischen Gefangenen frei, mit Ausnahme derer, die Morde begangen hatten." Einige Jahre später wurde Dr. Bakhtiar von Agenten der Islamischen Republik in seiner Wohnung in Paris erstochen.

Nur wenige Monate, nachdem die Islamische Republik Iran ihre Basis gefestigt hatte, begann sie mit der Verhaftung und Festnahme eben der Menschen, die zum Erfolg der Revolution beigetragen hatten. Die Liste der Verhafteten, die später hingerichtet wurden, ist zu lang, um sie hier wiederzugeben. (Viele waren Mitglieder oder Sympathisanten von revolutionären Organisationen, manche auch nur unbeteiligte Zuschauer).

Einer der bemerkenswertesten politischen Gefangenen in Evin ist Abbas Amirentezam, stellvertretender Premierminister unter Mehdi Bazargan, der nach seiner Rückkehr aus Schweden im Dezember 1979 verhaftet wurde. Er wurde vor Gericht gestellt und auf der Grundlage einer vorgefertigten Anklage der Spionage ins Gefängnis geschickt, so wie viele andere im Verlauf der letzten 30 Jahre. Amirentezam ist der längstgediente politische Gefangene Irans. Nach 27 Jahren in Evin wurde er beurlaubt.

Abbas Amirentezam erinnert sich an seine Tage in Evin: "Die schlimmste Zeit meines Lebens war, als ich mit anderen Gefangenen zusammen war und mit ansah, wie viele meiner Zellengenossen abgeführt und hingerichtet wurden, einer nach dem anderen, ohne Gerichtsprozesse oder Geschworene. Im Jahr 1367 (1989) waren in unserer Abteilung (band-e zendan) 350 Menschen, 342 von ihnen wurden hingerichtet. Sie waren zwischen 20 und 70 Jahre alt."

Amirentezam schmuggelte von 1994 bis 1995 eine Serie von Briefen hinaus, in denen er Zustände in Evin beschrieb, die er persönlich miterlebt hatte: "Gefangene wurden monatelang in kleine Särge mit den Maßen 50 x 80 x 140 cm gesteckt. 1984 waren 30 Gefangene in solchen Särgen. Manche wurden verrückt." Zwei Mal wurde er in den Exekutionsraum gebracht, wo er auf die Anordnungen des Imams wartete. 555 Tage lang war er in Einzelhaft. Über die allgemeine Abteilung in Evin sagte er: "Die Zelle war so überfüllt, dass die Insassen abwechselnd auf dem Boden schliefen."

Amirentezam sagt: "Das waren die schrecklichsten Tage meines Lebens. Ich werde diesen Schmerz nicht für einen einzigen Moment vergessen. Der schönste Moment war, als ich nach fünf Jahren Bücher haben durfte. Ich bekam Bücher und Zeitungen und Papier für meine Notizen. Endlich konnte ich mit der Außenwelt in Kontakt sein."

Amirentezam berichtet, wie eine UN-Delegation unter Leitung von Galindo Pohl ihm und anderen Gefangenen in Evin einen Besuch abstattete. "Herr Galindo Pohl nahm jedes von mir beschriebene Blatt an und tat es in seine Brieftasche. Im angrenzenden Zimmer hatten sie Obst und Süßigkeiten aufgebaut, um zu zeigen, dass wir im Gefängnis gut behandelt werden. Das alles waren Täuschungen und Lügen. Als die UN-Kommission gegangen war, wurde ich auf die offene Ladefläche eines Lastwagens gesetzt, von einem Bereich des Gefängnisses zum nächsten gefahren und vorgeführt. Es war sehr kalt, und der Wind blies sehr stark (Evin liegt außerhalb von Teheran nahe den Bergen, darum wird es nachts sehr kalt). Als Ergebnis dieser schlimmen Kränkung und Demütigung bekam ich eine schwere Erkältung und litt monatelang an einer Ohreninfektion. Oft hinterließen wir den Pasdaran (Revolutionsgarden) hinter der Tür unserer verschlossenen Zelle Notizen, auf denen stand, was wir brauchten. Der Pasdar las meine Notiz und kam zurück, um mir zu sagen, dass Hossein Pishva, der Direktor des Gefängnisses, ausdrücklich angeordnet hatte, dass ich keinen Zutritt zur Krankenzelle oder zu Medikamenten bekäme."

Er fährt fort: "Das Ergebnis war eine Infektion in meinem linken Ohr, die drei Monate dauerte. Dass Innenohr war gerissen, und ich verlor mein Gehör auf der linken Seite. Damit wurde ich dafür bestraft, dass ich mit Herrn Galindo Pohl gesprochen hatte. Endlich wurde ich zum Gefängnisarzt gebracht, der mir sagte, dass ich in eine Notaufnahme außerhalb des Gefängnisses gehen und operiert werden müsste. Dieser Notfall dauerte 6 Monate! Leider war der Schaden schon angerichtet."

Das schrecklichste Ereignis überhaupt in Evin war die Massenhinrichtung von fast 4000 (manche Berichte sprechen von 5000 - 6000) Gefangenen, hauptsächlich Fedayeen, Mojaheddin und andere (einige waren erst 14 und 15 Jahre alt). Dies ereignete sich zwischen 1981 und 1988 und ist von allen Berichten die schlimmste Massenexekution in der Geschichte irgendeines politischen Gefängnisses der neueren Zeit. Wie Shahrnoush Parsipour, eine der führenden weiblichen Dramatikerinnen Irans, schreibt: "Das Durchschnittalter in Evin lag 1981 bei 19,5 Jahren".

Abrahamian schreibt: "Die Gefangenen in Evin hatten während der Verhandlungen verbundene Augen... sie mussten persönliche Dinge wie Ringe, Uhren und Brillen ablegen. Dann wurden sie mit verbundenen Augen zu den Galgen geführt. Die Galgen in Evin befanden sich im abgelegenen Hosseinieyh-Hörsaal." Die Linken wurden während der gesamten Dauer der Exekutionen von den Mojaheddin ferngehalten und umgekehrt. "Die ersten Linken, die vor die Evin-Kommission [auch "Todes-Kommission" genannt] treten mussten, waren die mit leichten und sogar mit abgeleisteten Urteilen. Das verlieh der Todesliste etwas von einer Zufallslotterie. Einige, die am ersten Tag starben, hatten kurze Haftstrafen, andere mit langen, sogar lebenslangen Haftstrafen überlebten die folgenden Tage."

Abrahamian zufolge hatte Khomeini persönlich eine geheime Fatwa zur Tötung der Gefangenen, Linken wie Mojaheddin, erlassen. Eine von Ayatollah Eshraqi (Khomeinis Schwiegersohn) und seinen beiden Assistenten Hojat-ol-Eslam Nayeri und Hojat-ol-Eslam Mobasheri geleitete Kommission wurde eingerichtet. "In den folgenden Monaten flog die Kommission per Hubschrauber zwischen Evin und Gohar Dasht hin und her. Sie wurde als "die Kommission des Todes" tituliert."

Damals war der Raum für Ta'zir (Bestrafung gemäß der Scharia) der Ort der "Rehabilitation" der Gefangenen. "Nach dem ersten Verhör wurde der Gefangene in den Taz'ir-Raum gebracht, um vollständigere Geständnisse über wirkliche oder imaginäre Verbrechen abzulegen und - was das Wichtigste war - Befragungen auf Video aufzunehmen." "Im Gegensatz dazu war Evins Block 6 für Tudeh-Mitglieder mit 15jährigen Haftstrafen reserviert.

Soudabeh Ardavan, eine Sympathisantin der Fedyaeen und Architekturstudentin an der Universität Tabriz, sagte, "als ich zum ersten Mal eine Zelle betrat, dachte ich, ich sei in einer Mädchenschule. Die Gefangenen waren alle junge Mädchen im Teenager-Alter. Manchmal waren ältere Frauen dort, die so alt waren wie eine Großmutter. Sie halfen den Gefangenen offensichtlich, oder sie waren Familienmitglieder. Drei berühmte Zellengenossinen waren Bijan Jazanis Mutter, Maryam Taleghani, die Tochter von Ayatollah Taleghani und die Schriftstellerin Sharnoush Parsipour." Soudabehs Anklage lautete "Teilnahme an Demonstrationen gegen die Islamische Republik. Zunächst wurde sie verhaftet, verhört und schließlich, auf dem Boden mit verbundenen Augen, zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Es war kein Richter, keine Jury und kein Anwalt anwesend. Die "Islamische Gerechtigkeit" dauerte nicht länger als ein paar Minuten." Sie schreibt: "Es war die verabscheuungswürdigste Zeit in der Geschichte des islamischen Regimes. Verhöre, Folter und Exekutionen waren an der Tagesordnung." Während der nächsten 8 Jahre sollte sie immer wieder von Evin nach Ghessel Hesar und zurück verlegt werden, von einer Einheit in die andere, und die Zeit dazwischen in Einzelhaft verbringen. "Die meisten der Wachen waren extrem bösartig und benutzten schmutzige Ausdrücke, um uns zu demütigen und seelisch zu zerstören - wie sie es schon mit körperlicher Folter versucht hatten. Die meisten von uns gestanden nichts und hielten den Mund. Das machte sie noch wütender, und neue Ausgepeitschungen und Schläge begannen."

"Von Zeit zu Zeit kamen die Chefinnen der Wachen herein, zwei Frauen. Sie waren hässlich und dick und extrem unhöflich. Sie waren Profis. Mir wurde gesagt, dass sie noch aus der Schah-Zeit waren. Sie hießen Bakhtiari und Alizadeh. Sie haben uns richtig heftig getreten. Die Bakhtiari trug eine Soldatenuniform und hat ständig geflucht und und uns geschlagen. Sie hat wie ein Hund gebellt!"

"Meistens mussten wir in unserer Zelle weder Kopftuch noch Tschador tragen - nur wenn die männlichen Wachen hereinkamen. Manchmal kam der Direktor des Gefängnisses, ein Mann namens Haji Rahman. Er war riesig, ein ziemlicher Charakter, sehr bösartig. Wir mussten unser Kopftuch anlegen, und dann kam er und schlug uns. Ich glaube, er hat jetzt einen Job im Geheimdienstministerium"

Abrahamian schreibt: "Einige wurden in kleinen Kabinen gehalten, mit verbundenen Augen und in absoluter Stille, 17 Stunden lang mit zwei fünfzehnminütigen Pausen für Essen und Toilette... Andere wurden gewzungen, im Exekutionskommando mitzuarbeiten und Tote wegzuräumen. Wenn sie in ihre Zellen zurück kamen und das Blut von ihren Händen tropfte, vermuteten die Zellengenossinnen, was durchgesickert war. Im Sommer mussten Neuankömmlinge in Evin - auch Frauen - am großen Innenhof vorbei und die Reihen gehenkter Gefangener sehen."

Marina Nemat, die in eine russische Christenfamilie hineingeboren wurde, verbrachte ab 1982 zwei Jahre in Evin. Sie hatte sich an ihrer Schule an einem Protest gegen das Regime beteiligt. Sie wurde in Evin gefoltert und zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde später in lebenslänglich umgewandelt, als ein Wachmann namens Ali Mousavi sich in sie verliebte und sie zwang, ihn zu heiraten. Unter Druck gesetzt, heiratete sie ihn, und ging fort, als er von anderen Wachleuten ermordet wurde. 1991 verließ sie den Iran und ging nach Kanada. Ihr Buch "Prisoner of Tehran" wurde 2007 veröffentlicht. (Einige weibliche Gefangene stellten ihren Bericht in Frage, obwohl Shahrnoush Parsipour ihre Geschichte bestätigte).

Eine der berühmtesten weiblichen Gefangenen in Evin ist Mehrangiz Kar, eine Menschenrechtsanwältin, die 53 Tage in Einzelhaft verbracht hat. Später teilte sie eine kleine Zelle mit einer bekannten Publizistin, Shahla Lahiji. Mehrangiz Kar schreibt: "Wie andere handverlesene Frauen versuchte ich, denen näher zu kommen, mit denen wir unsere Gedanken teilten. Es war offensichtlich, dass es gegen alle internationalen Gesetze war, eine aus politischen Gründen Inhaftierte mit Frauen zusammenzulegen, denen Prostitution oder Drogenabhängigkeit vorgeworfen wurde. Aber wo konnten wir über diese Ungerechtigkeiten sprechen? Jedes Ding und jedes Wort hat seinen jeweiligen Platz."

Shahrnoush Parsipour verbrachte vier Jahre und sieben Monate in Evin. Sie war unter dem Schah schon 54 Tage in diesem Gefängnis eingesperrt gewesen. Monriou Ravanipour, eine Schriftstellerin, wurde ebenfalls verhaftet und für lange Zeit eingesperrt.

Am 23. Juni 2003, bei einem Besuch im Iran, wurde [Zahra Kazemi,] eine iranisch-kanadische Fotojournalistin dabei gesehen, wie sie Fotos von Evin machte - sie wurde in Gewahrsam genommen und starb im Gefängnis. Die iranische Regierung behauptete, dass sie während eines Verhörs an einem Schlaganfall starb. Die Ärzte jedoch, die Kazemis Leiche untersuchten, stellten Hinweise auf Vergewaltigung und Folter sowie einen Schädelbruch fest. Man sagt, Saeed Mortazavi, Teherans Staatsanwalt, sein in ihre Vergewaltigung, Folterung und Ermordung verwickelt gewesen. (Am 11. August desselben Jahres veranstaltete Azam Taleghani, die Tochter von Ayatollah Taleghani und Kandidatin für das iranische Parlament, aus Empörung über die Verhaftung und Ermordung von Zahra Kazemi einen Sitzprotest vor dem Evin-Gefängnis).

Farhad Behbehani und Habibollah Davaran, beide Sympathisanten der Nationalen Front und der Nehazt Azadi (Freiheitsbewegung) wurden verhaftet, weil sie einen Brief an den damaligen Präsidenten Irans Hashemi Rafsanjani unterzeichnet hatten. Sie wurden verhört und gefoltert. Unter schwerer körperlicher und psychologischer Folter wurde Behbehani gezwungen, ein falsches Geständnis abzulegen. Später berichteten sie in einem Buch mit dem Titel "In the company of Haji Agha" (etwa "In Gesellschaft von Haji Agha", d. Übers.) über ihre Zeit im Gefängnis.

Der Bericht von Behbehani:
"In Evin begrüßten uns Siamak Pourzand, Ali Afshari und Nasser Zarafshan. Amir Entezam ging gerade im Gefängnishof spazieren. Wir waren glücklich, dass wir wenigstens in Gesellschaft unserer Freunde waren. Wir saßen zusammen und aßen zu Abend. Es war gut, sie alle zu sehen, sogar in der merkwürdigen Atmosphäre des Gefängnisses. Während wir in Evin waren, gingen Gerüchte um, dass eine Person namens Bakhshi in den Tod von Zahra Kazemi verwickelt sei. Ich weiß nicht, was genau sein Titel war, aber anscheinend ist er einer der hohen Beamten im Evin-Gefängnis."

“Nach der Veröffentlichung unseres Buches wurden wir erneut verhaftet und nach Evin gebracht, während wir auf die Zahlung einer immensen Kaution zu unserer Entlassung warteten. Wir bezahlten unsere eigene Fahrt nach Evin. Als wir ankamen, konnte Dr. Davaran nicht einmal mehr richtig gehen; ich musste seine Hand halten. Es gab Auseinandersetzungen in der Umgebung des Gefängnisses. Eltern kürzlich verhafteter Studenten waren dort und suchten ihre Söhne und Töchter. Sie führten uns durch die Menge, die rief und nach ihren Kindern suchte. Wir hörten auch, dass einige Tage zuvor Zahra Kazemi unter Folter ermordet worden war.
Vor uns waren weitere Gefangene. Der Wachmann begann, sie zu beleidigen. Dr. Davarn fragte mich "warum ist er so ausfallend?" Ich sagte: "Keine Angst, er beleidigt nicht uns."

Als ein junger Wachman Dr. Davaran erblickte sagte er: "Vater, was tun Sie hier? Hat das Geheimdienstministerium Sie verhaftet?" Ich sagte nein, es sei die Staatsanwaltschaft Teheran gewesen. Er fragte "Was habt ihr überhaupt getan?" Ich antwortete, dass wir ein Buch geschrieben hätten und deshalb verhaftet worden seien. Er fragte: "Hattet ihr keine Erlaubnis?" Dr. Davaran sagte: "Doch, wir hatten eine Erlaubnis zur Veröffentlichung unseres Buches eingeholt, aber sie haben uns trotzdem verhaftet." Er blickte sich um und sagte mit einem merkwürdigen Unterton: "Was für ein verdrehtes Land!" (Ajab mamlekat khar too kharist).

Er sagte zu Davaran: "Das tut mir so Leid. Es tut mir wirklich Leid, dass ihr hier seid". Er sagte zu einem Wachmann: "Bring sie in Sektion 1". Sie wollten uns Handschellen anlegen, aber der Junge sagte: "Nein, keine Handschellen". Ich bemerkte, dass die Zustände im Gefängnis sich im Vergleich mit vor 13 Jahren verändert hatten. Es gab Fernsehen und Wechselstrom in jedem Raum. Ich sah, dass die Gefangenen ihre Angehörigen anrufen konnten, und die meisten Gefängnisbeamten verhielten sich zivilisierter. Ich schreibe diese Veränderungen der Khatami-Ära zu, aber auch dem internationalen Druck wegen der Zustände in iranischen Gefängnissen.

Es waren auch Mitglieder der Hezb-e mellat Iran (Iranische Volkspartei) wie Khosrow Seif in Evin, der kurz nach den Studentendemonstrationen im Juli 1999 verhaftet worden war. Seif erzählt: "Einige Tage nach den blutigen Zwischenfällen in Kouyeh Daneshgah wurden ich und ein paar andere Parteimitglieder verhaftet. Acht Männer kamen zu meinem Haus und nahem alles mit, selbst Fotos von mir mit dem verstorbenen Forouhar von vor fast 50 Jahren. Ohne offiziellen Vollstreckungsbefehl brachten sie mich ins Towhid-Gefängnis [unter dem Schah Komite-Gefängnis, bekannt für brutale Folter und geschlossen unter Khatami]. Dann verhafteten sie Herrn Namazi und Mehran Abdolbaghi in ihren Wohnungen. Frau Dr. Jeylani wurde auf der Straße verhaftet. Im Gefängnis wurden wir gefoltert, nicht körperlich, aber psychologisch. Manchmal gab es körperliche Folter, manchmal psychologische, und dann wieder beides zusammen.... Mir wurde vorgeworfen, die blutigen Ereignisse an der Teheran-Universität angezettelt zu haben, und ich wurde zum Tode verurteilt. Später wurde mein Urteil auf 14 Jahre abgemildert. Ich verbrachte fast ein Jahr in Towhid und Evin. Währedn dieser Zeit hörte ich, dass sie überaus brutal mit den verhafteten Studenten umgesprungen waren. Sie hatten sie schwer gefoltert, wie Batebi, Mehrdad Lahrebi (der nur einen kleinen Bücherstand vor der Universität hatte) und die Mohammadi-Brüder."

Im letzten Jahrzehnt waren unter den politischen Gefangenen in Evin Irans meistgefeierter Enthüllungsjournalist und Menschenrechtsaktivist Akbar Ganji (von 2000 bis 2006), der monatelang im Hungerstreik war und fast daran gestorben wäre. Ganji wurde verhaftet, weil er mehrere Bücher über die Serienmorde von 1998 geschrieben hatte. Im Gefängnis schrieb er seine berühmten Manifeste, die die Legitimität des islamischen Regimes sowohl politisch als auch ideologisch in Frage stellen.

Andere waren Heshmatollah Tabarzadi, Kopf einer Studentenorganisation, Mohsen Sazegara, ein ehemaliges Mitglied der Revolutionsgarden (in 2003), Nasser Zarafshan, Anwalt vieler Gefangener, Akbar Mohammadi und Ahmad Batebi, die während der Studentendemonstrationen an der Teheran-Universität von 1999 verhaftet wurden, und Ali Afshari, ein studentischer Aktivist und Mitglied des Daftar-e Tahkim-e Vahdat (Studentisches Koordinationskomitee), der im Jahre 2000 verhaftet und bis 2003 festgehalten wurde. Afshari war fast 400 Tage in Einzelhaft. Weitere Gefangene in Evin waren Hojatoleslam Mohsen Kadivar, Siamak Pourzand (in 2002 zunächst vermisst, später in Evin gefunden) und Hashem Aghajari (verhaftet 2002).

“Siamak Pourzand war in Abteilung 3 des Evin-Gefängnisses, bis er im April 2004 einen schweren Herzinfarkt erlitt. Später in jener Nacht wurde Pourzand auf der Intensivstation des Sa’databad-Krankenhauses eingeliefert. Die Wachen, die ihn begleiteten, ließen ihn nicht mit Reportern sprechen. Die Islamische Menschenrechtskommission Irans durfte ihn ebenfalls nicht sehen. Nur seine Schwester durfte ihn besuchen. Später berichtete sie Peyk-e Iran, dass während ihres Besuches "die Wachen unser gesamtes Gespräch überwachten". Pourzand wurde an Hand- und Fußgelenken an das Krankenhausbett gekettet.
Kadivar, ein erleuchteter Geistlicher, "wurde vom Sondergericht für den Klerus im Jahre 1999 verurteilt und wegen Verbreitung falscher Informationen über Irans "heiliges System der Islamischen Republik" und Gewährung von Hilfe für Feinde der Islamischen Revolution zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Er wurde am 17. Juli 2000 aus Evin entlassen."

Akbar Mohamamadi ist einer derjenigen, die in Evin nach schwerer Folterung gestorben sind. Er wurde während der Studentenunruhen in 1999 verhaftet und verbrachte fast 5 Jahre im Gefängnis. Er wurde entlassen und im Jahr 2006 erneut verhaftet, nachdem er seine Memoiren ("Ideas and Lashes" - etwa "Ideen und Peitschenhiebe", d. Übers.) verfasst hatte. Er starb in Evin am 30. Juli 2006 unter Folter. Er war mit Ahmad Batebi zusammen in Evin. Beide waren während der Studentendemonstrationen am 9. Juli 1999 verhaftet worden. Ahmad Batebi wurde zum Symbol der Studentenbewegung. Er verbrachte fast 15 Jahre im Gefängnis. Im März 2005 wurde Batebi vorübergehend aus Evin entlassen, um zu heiraten. Er meldete sich nicht ins Gefängnis zurück. Am 23. Juni 2005 meldete eine Zeitung, er sei "derzeit auf der Flucht und meide Irans Behörden". Batebi wurde am 27. Juli 2006 erneut verhaftet und wieder ins Gefängnis geworfen. Er leistete sein Strafmaß weiter ab. Untergebracht war er in der berüchtigten Sektion 209 von Evin, die vom Geheimdienstministerium geführt wird. Nachdem er endlich seine Kaution aufbringen konnte, verließ er 2008 heimlich den Iran und ging in die USA. Später wurde er gegen Kaution freigelassen. Er erlebte harte Verhöre und Folterungen in Evin.

Hassan Zarzadeh (Ardeshir) war unter den Studenten, die bei den Demonstrationen im Juli 1999 verhaftet wurden. Er war Sprecher der Vereinigten Studentenfront, ist Menschenrechtsaktivist und Journalist. Zunächst wurde er nach Towhid gebracht und später nach Evin überführt. Er wusste nicht, wo er war, da ihm anfangs die Augen verbunden waren. Später fand er jedoch heraus, dass er sich in Evins Abteilung 209 befand. Dort blieb er 5 Monate lang. “Ich war nur drei Monate lang in Evins allgemeiner Abteiliung und dann fast die ganze Zeit in Einzelhaft." Über die Zustände in Evin sagt er: “Politische Gefangene haben überhaupt keine Rechte, und wenn sie sich gegen bestehende Bedingungen auflehnen, werden sie umgehend in Einzelhaft genommen. Gefangene bekommen kein anständiges Essen oder medizinische Versorgung. Die Abteilungen sind so überfüllt, dass man in den Gängen schlafen muss. Alle Abteilungen in Evin sind mit irgendeinem Bereich des Geheimdienstministeriums verbunden. Die normalen Gefängnisregeln existieren nicht; jede Abteilung hat ihre eigenen Regeln. Sie üben enormen psychologischen und physischen Druck auf die Gefangenen aus, um Geständnisse zu erhalten. Einmal, als ich nicht viel reden, geschweige denn gestehen wollte, brachten sie einen Freund von mir herein und begannen, mich heftig zuschlagen, um mich zu einem Geständnis zu zwingen. Er hatte bereits geredet, und sie wollten meine Reaktion."

Der iranische Gewerkschaftsführer Mansoor Ossanlou war ebenfalls inhaftiert. Er war zwischen 2005 und 2008 mehrmals im Gefängnis. “Am Dienstag, dem 10. Juli 2007 wurde Mansoor Ossanlou von Sicherheitskräften öffentlich entführt und an einen unbekannten Ort gebracht. Zwei Tage später informierte seine Frau die Öffenlichkeit darüber, dass Mansour Osanloo in Evin (Teheran) und vollständig isoliert und ohne Besuchsrecht sei."

Unter den iranisch-amerikanische Akademikern, die den Iran besuchten oder dorthin kamen, um im Iran zu leben und in Evin inhaftiert wurden, waren Dariush Zahedi, Professor an der Universität von Kalifornien, Berkeley (2003), Ramin Jahanbegloo (2006) Ali Shakeri und Haleh Esfandiari (2008), die 100 Tage in Evin war, und seit Kurzem Kian Tajbakhsh (zuerst verhaftet in 2007 und in 2009 bis jetzt erneut verhaftet). Ein Zeitungsbericht: "Kian Tajbakhsh wurde am 11. Mai 2007 in seiner Wohnung in Teheran verhaftet, inhaftiert und 2007 unter Hausarrest gestellt. Er wurde mehr als 4 Monate ohne Anklage in Evin festgehalten."

Die iranisch-amerikanische Journalistin Roxana Saberi wurde im Januar 2009 verhaftet und im Mai 2009 entlassen. Ihr wurde ebenfalls Spionage vorgeworfen. Sie hatte vor ihrer Verhaftung viele Jahre im Iran gelebt.
Nazi Azima von Radio Farda wurde ebenfalls monatelang festgehalten, ehe sie freigelassen wurde. Newsweek-Reporter Maziar Bahari ist zur Zeit in Evin inhaftiert; er war nach Teheran gekommen, um über die Wahlen vom Juni 2009 zu berichten.

Im letzten Jahrzeihnt wurden viele bekannte iranische Journalisten und Blogger in Evin festgehalten. Einige davon sind Masoud Behnoud, Emaddedin Baghi, Mohammad Ghouchani, Fereshteh Ghazi, Soheil Asefi, Roozbeh Mirebrahimi, Shahram Rafi’zadeh, Javad Gholamtamimi und Omid Memarian. Sie alle wurden zu verschiedenen Zeiten verhaftet, angeklagt und gegen Zahlung immenser Kautionen freigelassen (die meisten mussten die Häuser ihrer Familien verpfänden oder viele Bürgen stellen). Ayatollah Shahroudi, der derzeitige Chef der iranischen Justiz, gab ihnen mit auf den Weg: "Erzählt niemandem, was euch im Gefängnis widerfahren ist, und ich verspreche euch, das Problem zu lösen!"

Roozbeh Mirebrahimi sagt über seine Tage in Haft: "Die meiste Zeit über war ich in dem speziellen Geheimgefängnis der Sicherheitskräfte, das zu Verhörzwecken an das Büro des Staatsanwalts von Teheran angeschlossen ist. Nur für die letzten 6 Tage kamen ich und 4 Mitangeklagte nach Evin. Wir waren in einer Zelle. Unsere Zelle war in der 4. Abteilung von Evin, die als Todeszelle für Exekutionen bekannt ist. In einer unserer Zellen war ein professioneller Mörder, er hieß Mohammad Bijeh. Er hatte Dutzende von Kindern entführt, vergewaltigt und verbrannt. Es gab noch einen weiteren Kriminellen dort, der auch auf seine Hinrichtung wartete."

"Wir wurden in diese Spezialabteilung gebracht, damit wir Angst bekämen und sie ihren Plan ausführen konnten. Der Plan sieht Geständnisse vor, Schauprozesse und dass wir Geständnisse unserer Reue unterschreiben. Die Bedingungen in Evin waren für mich, der ich Tage in diesem fürchterlichen Gefängnis zugebracht hatte, mit verbundenen Augen, verhört und gefoltert, erträglicher. Natürlich ist das meine persönliche Erfahrung in Evin. Ich bin sicher, dass viele heute andere und viel schlimmere Erfahrungen im Gefängnis machen."

"Gegen eine hohe Kaution konnte ich Evin verlassen. Nach 4 Jahren wurde ich zu 2 Jahren und 84 Peitschenhieben verurteilt. Drei meiner ursprünglichen Verdikte sind nicht ausgeführt worden."

Vor kurzem berichtete die Times of London: “Als die französisch-iranische Filmemacherin Mehrnoush Solouki vor zwei Jahren dorthin gebracht wurde, verbrachte sie einen Monat in Einzelhaft und hörte jede Nacht die Schreie von Frauen und Geräusche von Schlägen. Sie fragte ihre Wachen, ob das Kriminelle seien, die sich bekämpften. Die Antwort war nein - das seien Frauen, die die nationale Sicherheit bedroht hätten".

Frau Solouki, eine Filmsstudentin an der Universität Quebec, wurde im Februar 2007 nach Evin gebracht. "Es war nicht Guantanamo Bay, aber es schien mir das weltweit größte Frauengefängnis für Journalistinnen, Frauenrechtlerinnen und Studentinnen zu sein." schrieb sie nach ihrer Freilassung. Die Einzelhaft in Evin beschrieb sie als "Betreten eines Grabes".


Weitere Gefangene, die in Evin waren, sind Dr. Ahmad Zeidabadi, ein bekannter Journalist und politischer Analyst, der in 2000, 2003 und nochmals in 2009 (infolge dieses Artikels) verhaftet wurde, sowie Abdollah Mo'meni, Manouchehr Abtahi, Issa Saharkhiz und Abdolfattah Soltani (ein bekannter Anwalt vieler iranischer politischer Gefangener), zusammen mit vielen der besten und mutigsten Journalisten und Menschenrechtsverteidiger Irans. (Sie befinden sich zur Zeit mit etwa 100 anderen im Gefängnis, wurden gefoltert und in Schauprozessen vorgeführt).

Seit den umstrittenen Wahlen von 2009, sind die Anwältin Shadi Sadr (sie wurde vor Kurzem entlassen), Frauenaktivistin Jila Bani Yaghoub und viele andere Bürgerrechtsaktivistinnen noch immer in Evin inhaftiert.

Andere politische Gefangene, Männer und Frauen, die in Evin waren, sind: Hassan Yousefi-Eshkevari, Ebrahim Nabavi, Emad-ed-din Baghi, Fariborz Raeiss-Dana, Mahmoud Dolatabadi, Mohammad Ghoochani, Mashallah Shamsolvaezin, Latif Safari, Khalil Rostamkhani, Manouchehr Mohammadi, Alireza Alavi-Tabar, Mohammad-Reza Jalaïpoor, Saeid Sadr, Mohammad-Ali Sepanloo, Ezatollah Sahabi, Shahla Sherkat, Shahla Lahidji, Jamileh Kadivar und Khadijeh Hajdini-Moghadam. (Die meisten der genannten hatten an einer Konferenz in Berlin teilgenommen und wurden bei ihrer Rückkehr im Jahr 2000 verhaftet).

Im August 2005, kurz nachdem Ahmadinejad gewählt worden war, reiste ich in den Iran. Dies ist, was ich aufgeschrieben habe:
“Ich wollte Fotos von Evin machen. Wir sind jedesmal daran vorbeigekommen, wenn wir nach Shemiran fuhren, aber man sagte mir, ich solle es nicht tun. "Hast du das Schicksal von Zahra Kazemi vergessen?" Aber ich war fest entschlossen. Also nahm ich eines Tages ein Taxi, um nach Tajrish zu fahren. Ich fragte den Taxifahrer, ob er langsamer fahren würde, damit ich ein Foto machen könne. Es war ein Besuchstag, leider zeigte das Foto nicht das ganze Bild. Also fragte ich denselben Taxifahrer auf dem Rückweg, ob wir noch einmal dort vorbeifahren könnten. Er weigerte sich nicht, er war sogar so mutig, direkt vor dem Gefängnis anzuhalten, und ich machte das Foto. Als die Wachen mich sahen und auf ihren Trillerpfeifen anfingen zu pfeifen, stieg der Fahrer aufs Gas und brauste am Gefängnis vorbei. Er hätte mit mir zusammen verhaftet werden können."

“Später in dieser Woche bat ich einen anderen Fahrer, mich auf die Hügel zu bringen, damit ich Evin aus der Umgebung sehen könnte. Er, wie viele meiner Landsleute, hatte keine Angst. Ich fotografierte das Areal von hoch oben. Man konnte aus der Ferne nur die Strukturen erkennen. Der Fahrer, ein junger Mann, sagte zu mir, dies sei der Ort, wo unserer besten Leute festgehalten werden. Ich seufzte nur leise."

Vor einiger Zeit besuchte ich das erste Konzentrationslager des Hitler-Regimes, Sachsenhausen (Oranienburg) in der Nähe von Berlin. Es war das erste Internierungslager des Nazi-Regimes, in dem politische Gefangene - Juden, Sozialdemokraten und Kommunisten - inhaftiert waren. Nach dem Krieg wurde es ein sowjetisches Internierungslager umgewandelt. Heute ist es eine Gedenkstätte, die die Menschen daran erinnert, wozu sie fähig sind und was sie einander antun können. Doch auch nach 65 Jahren haben wir noch nichts gelernt. Verbrechen gegen die Menschlichkeit gehen überall auf der Welt weiter.

Ich hoffe nur, dass Evin eines Tages eine Gedenkstätte für diejenigen sein wird, die Verhöre, Folter und Morde erlitten haben. Inmitten der Verzweiflung, der Dunkelheit und des Terrors haben sie sich ihren Unterdrückern mit Mut und Todesverachtung entgegengestellt.

Mögen alle iranischen politischen Gefangenen bald frei sein. Mögen ihre Familien sie in die Arme schließen, auch wenn ihre Körper und Seelen zerstört sind. Mögen ihre Peiniger zur Verantwortung gezogen und vor ein Gericht gestellt werden - was sie anderen verweigerten.


*Dieser Bericht ist bei weitem nicht vollständig. Es gibt unzählige Männer und Frauen, deren Namen hier nicht genannt sind - bekannte und unbekannte. Ich hoffe, dass die Leser die lange, quälende Liste ergänzen werden. Insgesamt ist die Zahl derer, die unter der Islamischen Republik hingerichtet oder gestorben sind, wesentlich höher als unter beiden Pahlavi-Regierungen zusammen.

* Fast alle Verhafteten und Verfolgten der letzten 30 Jahre wurden ähnlicher Vergehen angeklagt: Spionage, Handeln gegen die nationale Sicherheit, Mitgliedschaft in illegalen Organisationen, Provokation und Spaltung der Öffentlichkeit, Propaganda gegen den Staat, Beleidigung des Führers, Teilnahme an verbotenen Versammlungen sowie andere, nicht politische Anklagen wie sexuelle Beziehungen, Alkoholkonsum, Förderung der Korruption durch Händeschütteln mit Frauen, unislamische Kleidung (für Frauen).


*Der verstorbene Akbar Mohammadi schreibt: "Der Sicherheitschef des Evin-Gefängnisses, Herr Bakhshi, und Teherans Generalstaatsanwalt Saeed Mortazavi spielten eine direkte Rolle bei der Ermordung von Zahra Kazemi. Als ich wegen einer Operation im Taleghani-Krankenhaus lag, erzählten mir die Soldaten, die mich begleiteten, ziemlich offen, dass Herr Bakhshi Zahra Kazemi dabei beobachtet hatte, als sie von außen Videoaufnahmen vom Gefängnis machte. Er beauftragte 10 Soldaten, sie festzunehmen und auf das Gefängnisterritorium zu bringen. Die Soldaten sagten, sie hätten das nur getan, weil die Order von hoch oben kam. Als sie Zahra Kazemi hineinbrachten, begann Herr Bakhshi, sie mit einem Bajonett zu schlagen, besonders in im Bereich des Kopfes. Das sei aber nicht genug gewesen. Den Soldaten zufolge wollte Bakhshi ihr mehr antun. Er nahm Zahra Kazemi das Kopftuch ab und schlug ihren Kopf mehrmals gegen die Wand, bis sie das Bewusstsein verlor. Bakhshi sagte den Soldaten, sie sollten sie ins Gefängniskrankenhaus bringen, damit sie wieder zu Bewusstsein käme. Als er ihren Kopf gegen die Wand schlug, lief das Blut herunter. Einer unserer Zellengenossen, der vor Kurzem in Block 350 verlegt worden war, sagte, er sei dort gewesen, als Zahra Kazemi aufwachte, und sie habe zu einem der Agenten, einem großen Mann mit einem riesigen Bart, gesagt, dass sie all die furchtbaren Taten der kanadischen Regierung und allen Menschenrechtsorganisationen mitteilen würde. "Was werdet ihr dann tun?" fragte sie. Währenddessen trugen sie sie auf einer Bahre ins Krankenhaus. Der bärtige Mann befahl den Soldaten, sie festzubinden. Die Soldaten hatten Angst und taten, was ihnen gesagt wurde.
Die Soldaten erzählten mir, sie würden jederzeit, wann immer ich wolle, gegen Bakhshi aussagen, aber ich müsste sie schützen, denn mit diesem Regime sei nicht zu spaßen".
("Ideen und Peitschenhiebe: Das Gefängnistagebuch" von Akbar Mohammadi, übersetzt von Fariba Amini)