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Samstag, 5. September 2009

Kahrizak: öffentliche Prozesse gegen Vergewaltiger gefordert

Quelle (Englisch): "Trials of Kahrizak Rapists Should be Open"
http://www.roozonline.com/english/news/newsitem/article/2009/september/05//trials-of-kahrizak-rapists-should-be-open.html

Übersetzung: Julia

5. September 2009

Kahrizak: Öffentliche Prozesse gegen Vergewaltiger gefordert

Nachdem der Vorsitzende der Parlamentsfraktion "Weg des Imam" öffentliche Prozesse gegen die Verantwortlichen der jüngsten Verbrechen in iranischen Haftanstalten gefordert hatte, ist Präsidentschaftskandidat Mehdi Karroubi mit der Familie eines während der Unruhen nach der Wahl getöteten Opfers zusammengetroffen. Währenddessen steigt die Zahl der Todesopfer weiter.

Der Generalsekretär des "Weg des Imam" im 8. Parlament hat in einem öffentlichen Brief die "offene" strafrechtliche Verfolgung der für die "häßlichen" Verbrechen in iranischen Haftanstalten" gefordert. Was er unter offenen Gerichtsprozessen versteht, erklärt Mohammad Reza Tabesh in seinem Brief an die iranische Justiz so:

"Offene Prozesse bedeuten, dass es keinen Ausschluss der Öffentlichkeit von den Verhandlungn gibt. Medien und Journalisten sollen anwesend sein, Notizen machen und ihre Berichte veröffentlichen dürfen, ohne die Identität der Kläger oder Einzelheiten zu nennen, die Rückschlüsse auf ihre Identität, ihre soziale und ihre berufliche Position zulassen."

Tabesh erklärt, die Persönlichkeit derer, die des Tatbestandes der Misshandlung in Haftanstalten beschuldigt werden, sei nicht höher zu bewerten als die der politischen Gefangenen, die zur Zeit vor Gericht stehen. Er rief die Behörden auf, die von diesen Personen begangenen Verbrechen nicht länger zu decken. In einem anderen Teil des Briefes bezweifelt Tabesh die Behauptungen Mahmoud Ahmadinejads, dass die Übertreter des Gesetzes in Kahrizak "ausländische Maulwürfe" gewesen sein sollen. Derartige Äußerungen würden die Unklarheiten dieses Falles nur vergrößern.

Diese Entwicklungen schließen sich an Mehdi Karroubis kürzliche Enthüllung von Dokumenten und Beweisen für Vergewaltigungen in Gefängnissen der Islamischen Republik an. Karroubi hatte sogar angekündigt, er sei bereit, den Justizbehörden Vergewaltigungsopfer zu präsentieren, um seine Behauptungen zu stützen. Eine weitere Wende nahm die Entwicklung vor zwei Tagen, als bekannt wurde, dass ein von Karroubi vogestelltes Vergewaltigungsopfer auf Grund seiner schlechten Behandlung verschwunden oder untergetaucht ist.

Karroubi trifft mit Familienangehörigen eines Getöteten zusammen

Eine weitere Entwicklung im Zusammenhang mit den Folgen der Wahlen vom 12. Juni ist ein Treffen zwischen Karroubi und der Ehefrau eines Getöteten. In dem Treffen beschreibt sie, wie ihr Ehemann ums Leben kam. Wie sie berichtet, war ihr Mann (sein Name ist Najafi) ein einfacher Arbeiter, der täglich von 6 Uhr morgens bis abends arbeitete. Am 12. Juni kam er mit blutüberströmtem Gesicht von der Arbeit nach Hause und erzählte, dass eine Gruppe mit Schlagstöcken bewaffneter Männer ihn auf dem Nachhauseweg angegriffen und zusammengeschlagen hatten, bis er das Bewusstsein verlor. Als er das Bewusstsein wiedererlangte, fand er sich in einem Auto wieder.
"Ich bemerkte noch einige andere im Auto, die in einem ähnlichen Zustand waren wie ich, und es schien, dass sie entweder tot oder bewusstlos waren, als ich auf sie geworfen wurde", hatte er gesagt. Er habe daraufhin die Männer im Auto angefleht, ihn gehen zu lassen, was bei einem der Männer auf offene Ohren stieß - sie ließen ihn laufen.

Wie Khadijeh Heydari berichtete, starb ihr Mann zwei Wochen, nachdem die bewaffneten Männer ihm die Schlägen und Verletzungen zugefügt hatten.


Noch mehr Todesfälle bekannt geworden
Während Karroubi weiterhin mit Nachdruck seiner Besorgnis über den Tod von Menschen durch die Unruhen nach den Präsidentschaftswahlen vom 12. Juni Ausdruck verleiht, steigt die Zahl der Getöteten in offiziellen Berichten und Statistiken. Mir Hossein Moussavis Vertreter in der Sonderkommission zur Untersuchung der Todesfälle bei den jüngsten Ereignissen, der den Parlamentsvertretern mitgeteilt hatte, dass 69 Menschen bei Demonstrationen getötet wurden, gab bekannt, dass drei neue Namen hinzugekommen seien. Er warnte, dass die Zahlen weiter steigen könnten und fügte hinzu "Es gibt noch immer Angehörige von Märtyrern, die uns auf Grund der herrschenden Atmosphäre noch nicht kontaktiert haben."

Während der Befehlshaber der Pasdaran/Revolutionsgarden (IRGC) erklärt, dass bei den Ereignissen nach den Wahlen 9 Zivilpersonen und 20 Basij-Mitglieder getötet wurden, sagt Alireza Beheshti: "Wenn die vom Befehlshaber der IRGC vorgelegten Zahlen stimmen, dann muss die tatsächliche Zahl der Todesopfer wesentlich höher sein als in der Liste des Untersuchungskommission angegeben, denn keiner der Toten auf der Liste dieser Kommission ist ein Basij-Mitglied."

Er kündigte seine Bereitschaft an, Vergleiche der von Jafari und von Mousavis Untersuchungskomitee vorgelegten Listen mit 29 bzw. 72 Namen weiter zu verfolgen.

Samstag, 22. August 2009

"Basiji in the Islamic Republic" - auf Deutsch

Übersetzung aus dem Englischen: Julia
Quelle: "Devouring their own - Basiji in the Islamic Republic"
http://www.huffingtonpost.com/narges-bajoghli/devouring-their-own-the-b_b_264939.html

Sie verschlingen ihresgleichen: Basiji in der Islamischen Republik

von Narges Bajoghli

Amir Hosseini* folgte dem Aufruf Ayatollah Khomeinis zur Verteidigung der Nation und der Revolution, als Irak am 22. September 1980 in den Iran einmarschierte. Er fand sich im benachbarten Hauptquartier der Basij ein und meldete sich mit 17 Jahren freiwillig an die Front. Die Basij entstanden kurz nach der iranischen Revolution von 1979 als "große Volksmiliz", in den Worten Ayatollah Khomeinis, der der Höchste Führer der neu gegründeten Islamischen Republik wurde. Diese paramilitärische Gruppe stand unter der Federführung der Revolutionsgarden, und beide spielten im Iran-Irak-Krieg von 1980 bis 1988 eine große Rolle. Amir Hosseini schloss sich 1980 ihren Truppen an und ging kurz darauf an die Front.

Er kämpfte fünf Jahre lang sowohl an den blutigen Fronten in Khorramshahr - wo zum ersten Mal seit dem 1. Weltkrieg Schützengrabenkrieg praktiziert wurde - und später in den gebirgigen Grenzstädten des iranischen Kurdistan. Nur einmal fuhr er in dieser Zeit nach Hause: als sein Körper innerlich zu verätzen begann, nachdem er den Nerven- und chemischen Wirkstoffen ausgesetzt war, die die Iraker von ihren Kriegsflugzeugen aus auf iranische Soldaten und Zivilisten warfen.

Als hingebungsvoller Basiji, der zu einem versierten Kämpfer geworden war, kehrte Amir jedoch schon 1986 auf das Schlachtfeld zurück. Ein Jahr später, in einem Minenfeld im Süden des Landes, verlor er beide Beine und musste für den Rest seines Lebens im Rollstuhl sitzen, während die Chemikalien allmählich seine Lungen verätzen.

Amir ist einer dieser Männer, die mit grimmigem Stolz zu ihren Jahren an der Front stehen. Seine Jugend verbrachte er in den Schützengräben im Kampf gegen die Iraker (die von Europa und Amerika mit ausgeklügelten Waffen ausgestattet waren), während dieser ersten grausigen Schlachten mit nichts anderem als Maschinengewehren und Molotovcocktails, um die Iraker von iranischem Terrain zu vertreiben. Er ist ein Veteran des längsten Krieges des 20. Jahrhunderts, der mehr als 1 Millionen Menschenleben sowohl in Iran als auch in Irak forderte.

Zu Beginn der auf den Krieg folgenden Wiederaufbauphase im Iran wurde Amir jedoch zunehmend desillusioniert über die Mächtigen. Er erkannte, dass das, wofür er gekämpft hatte, nichts mit dem zu tun hatte, was die politische Elite im Namen des Krieges tat. Er sah, wie "Kriegsveteranen", die ihren gesamten Dienst in Büros weitab der Front verbracht hatten, lukrative Geschäfte zugeschanzt bekamen, er war Zeuge, wie die Wandbilder seiner toten Freunde allmählich als Werbung die Anschlagtafeln in ganz Teheran zu zieren begannen: ihr gerechter Kampf wurde wie ein Wunder-Reinigungsmittel verkauft, mit dem alle Flecken und Makel, die ganze Korruptheit der Regierung beseitigt werden sollten.

Der Krieg war vorbei, die Anstrengungen zum Wiederaufbau des Landes waren im Gange, und die Revolutionsgarden waren nicht mehr länger eine Institution zum Schutz der Nation und der Revolution - sie wurden zum größten unabhängigen Wirtschaftsimperium innerhalb des Regimes. Durch die Kombination der Wirtschaftspolitik unter Präsident Rafsanjani (1989 - 1997) mit den politischen Manövern des neuen Höchsten Führers, Ali Khamenei, ist die Islamische Republik trotz der Warnungen Ayatollah Khomeinis zu einem militarisierten Staat geworden. Tatsächlich hatte Khomeini in den 1980er Jahren erklärt, dass das Militär und die Revolutionsgarden sich aus der Politik heraushalten müssten. In seinem Testament, das ein Manifest für die Islamische Republik in der Ära nach Khomeini ist, schrieb Khomeini:

"Mein ausdrücklicher Rat an die Streitkräfte ist, sich an die Regel der Nichteinmischung des Militärs in die Angelegenheiten der politischen Parteien zu halten. Die Streitkräfte einschließlich der Armee, der Polizei der [Revolutions]Garden, der Basij und anderer dürfen keiner politischen Partei beitreten und müssen sich von politischen Manövern fernhalten. Die Revolution gehört dem Volk, und ihr Schutz ist die Pflicht aller, es ist die patriotische und islamische Verpflichtung der Regierung, des Volkes, des Verteidigungsrats und des Majlis [Parlament, d. Übers.], sich den Streitkräften sofort entgegenzustellen, wenn sie - seien es die Befehlshaber und die oberen Ränge oder die niederen Ränge - gegen das Interesse des Islam und des Landes handeln oder wenn sie politischen Parteien beitreten oder sich an politischen Manövern beteiligen wollen, was sie ohne Zweifel ruinieren wird. Es ist die Pflicht des Führers und der Revolutionsgarde, derartige Aktoinen mit Gewalt zu verhindern, um Schaden vom Land abzuwenden." (1989: 45).

Nichtsdestotrotz hat Rafsanjanis Wirtschaftspolitik zum Wiederaufbau des Landes ihn dazu gebracht, die Erhöhung der Einkünfte zur Priorität für alle Regierungsbehörden zu machen. Während des Krieges selbst hatten die Revolutionsgarden ihre wirtschaftliche Macht über die iranische Gesellschaft vergrößert. Ihr riesiges Budget war im Majles (Parlament) nicht rechenschaftspflichtig, und ihre Partnerschaften mit der einflussreichen und mächtigen Märtyrer-Stiftung (Bonyad-e Shaheed) und der Stiftung der Unterdrückten (Bonyad-e Mustazafen), beide direkt nach der Revolution gegründet, unterlagen keiner Aufsicht. Diese Stiftungen gehören zu den am großzügigsten ausgestatteten Organisationen im Staat.

Seit dem Ende des Krieges haben die Revolutionsgarden ihr wirtschaftliches Imperium immer weiter ausgedehnt, indem sie unzählige Firmen gründeten und lukrative Regierungsaufträge erhielten. Anders als andere Unternehmen erklären die Revolutionsgarden ihre Einkünfte nicht bei der Zentralbank, so dass deren Nettowert unbekannt ist. Diese Unternehmen, die den Revolutionsgarden gehören und von ihnen geführt werden, sind u. a. in den Sektoren Öl, Landwirtschaft, Straßen- und Dammbau, Autoindustrie aktiv.

Im Juli 2007 erklärte das Energieministerium, dass die Auftragnehmer der Revolutionsgarden alle öffentlichen Infrastrukturprojekte einschließlich Wasser, Elektrizität und Brücken zunächst in Westiran leiten würden. Viele dieser Verträge wurden (und werden immer noch) ohne Ausschreibung vergeben, was gegen das iranische Gesetz ist, das offene Ausschreibungen vorschreibt. Zusätzlich zu ihren Verträgen betreiben die Revolutionsgarden auch ihre eigenen "Freihandelshäfen", in denen der durchschnittliche iranische Geschäftsmann, der Waren importieren oder exportieren möchte, hohe Zölle zahlen muss.

Mit einer Mischung von Wirtschaftspolitik und politischen Manövern haben die Revolutionsgarden und die Basij alle Bereiche des öffentlichen Lebens im Nachkriegsiran betreten.

Doch nicht alle ihrer Mitglieder hängen den ultrakonservativen Elementen der Islamischen Republik an, die während der vergangenen zwei Monate die Aufmerksamkeit der Welt auf sich gezogen haben. Viele, wie Amir, unterstützen nachdrücklich die Reformer, die allmählich von den Hardliner-Fraktionen in ihren Reihen beiseite gedrängt wurden. 1997 entwickelte Amir, so wie viele andere seiner Kollegen, die noch immer an die Ideale der Revolution glaubten, eine Faszination für Mohammad Khatami, der als Präsidentschaftskandidat eine Reform innerhalb des Systems forderte. Amir arbeitete in jenem Jahr mit Begeisterung für Khatamis Präsidentschaftskampagne und seine Wiederwahl in 2001. Trotz der breiten Unterstützung für Khatami in der Bevölkerung begannen die konservativen Fraktionen innerhalb des Regimes unter der Führung des Höchsten Führers Ali Khamenei sehr bald, hart gegen die Reformer vorzugehen. Um der Reformbewegung in dieser Zeit vollständig entgegenzuwirken, ernannte der Höchste Führer mehr konservative Mitglieder der Revolutionsgarden und Basiji in politische Positionen, und diese wandten sich sehr bald gegen die Reformer.

Nach den Studentenprotesten von 1999 in Teheran erklärten 24 führende Offiziere der Revolutionsgarden in einem an Khatami adressierten Brief in der konservativen Zeitung Jomhuri-e Eslami, die Revolutionsgarden könnten "diese Situation nicht länger tolerieren" und würden handeln, sollte Khatami seine Politik nicht ändern. Als Khatamis Präsidentschaft zu Ende ging, wurden die reformorientierten Mitglieder der Revolutionsgarden in den Hintergrund gedrängt, während ihre konservativen Kollegen innerhalb der politischen und wirtschaftlichen Gefilde gut positioniert wurden, um ihre Macht zu vergrößern.

In den Präsidentschaftswahlen von 2005 waren fünf der sieben Bewerber für das Amt entweder Mitglieder der Revolutionsgarden oder hatten irgendwann die Revolutionsgarden befehligt. Die Wahl von 2005 war der Wendepunkt, an dem die konservativen Mitglieder der Revolutions-garden und Basij die wichtigsten politischen Ämter im Land beanspruchten. Nachdem Mahmoud Ahmadinejad (selbst ein ehemaliges Mitglied der Revolutionsgarden) die Wahl von 2005 gewonnen hatte, waren viele seiner Kabinettsmitglieder und fast 80 Parlamentsmitglieder formal Mitglieder der Revolutionsgarden.

Als die diesjährigen Wahlen näherrückten, wusste Amir daher genau, für wen er und seine Familie am 12. Juni 2009 stimmen würden. Mahmoud Ahmadinejad und sein Umfeld standen genau für jene Leute, die Amir zu meiden versucht hatte: Leute, die ihre Verbindungen zum Krieg als Front für Geld, Macht und Kontrolle benutzt hatten.

Am 13. Juni, nach der Verkündung der Wiederwahl Ahmadinejads zum Präsidenten mit einer großen Stimmenmehrheit, gingen Amir, seine Frau und ihr 25-jähriger Sohn auf die Straße und schlossen sich Millionen von Iranern an, die gegen das Wahlergebnis protestierten.

Auch am zweiten Tag gingen sie mit Millionen friedlicher Demonstranten, in einem Schweigemarsch, um ihre Stimmen hörbar zu machen. Angespornt von der unglaublichen Energie der Straße verließen Amir und seine Familie auch am dritten Nachmittag ihre Wohnung. Sein Sohn schob Amirs Rollstuhl, und sie schlossen sich der Menschenmenge an. Es war der Tag, an dem die Basij (dieselbe Gruppe, der Amir einst voller Stolz beigetreten war) seinen Sohn mit ihren Schlagstöcken und Gift attackierten. Amir schrie sie von seinem Rollstuhl aus an, appellierte an ihr Erbarmen. Um ihn zum Schweigen zu bringen, wandten sie sich ihm zu, schlugen ihn, um dessen Handgelenke die grünen Bänder von Mir Hossein Moussavi gewickelt waren, bis er aus seinem Rollstuhl fiel. Blutig und zerschrammt wurde er von seinen Nachbarn nach Hause gebracht. Obwohl das im Vergleich zu seinen Kriegswunden nichts war, weinte Amir in dieser Nacht unkontrolliert. Er war nicht imstande zu glauben, dass das System, für das er während seiner ganzen Jugend gekämpft hatte, das System, für das er stolz und ohne sich zu beklagen seine beiden Beine verlor, sich gegen ihn gewendet hatte. Er hatte 20 Jahre ohne seine Beine gelebt und seine Abende am Beatmungsgerät verbringen müssen, weil seine Lungen nicht mehr selbstständig atmen konnten. Und jetzt hatten sie ihn geschlagen.
Am nächsten Tag erlitt Amir einen Herzinfarkt.

Er liegt noch immer auf der Intensivstation in einem Krankenhaus in Teheran, seine Familie und seine Freunde aus Kriegszeiten sind bei ihm. "Dafür haben wir nicht gekämpft", sagen sie zu mir, und Ärger klingt in ihren Stimmen mit. "Diese Kinder da draußen mit den Schlagstöcken, die sind wie ein Krebsgeschwür für unsere Gesellschaft", sagt einer, mit Augen, die rot sind vor Ungläubigkeit und Empörung.

* Der Name wurde zum Schutz seiner Identität geändert

Narges Bajoghli, Doktorandin der soziokulturellen Anthropologie an der Universität New York, Wissenschaftlerin am MacCracken-Institut, beschäftigt sich mit der Produktion von Medien in revolutionären Gesellschaften, insbesondere mit der Rolle der Basij in der Medienproduktion im Iran.

Donnerstag, 20. August 2009

Teheran-Depesche: Basijis für Mousavi

Von Iran Quest am 20. August 2009
Übersetzung aus dem Englischen: Julia
Quelle: http://iranquest.com/?p=10047

Nicht alle Befürworter von Mousavi sind weltlich eingestellt. Viele, wie mein Freund Omid, sind strenggläubige Moslems, die dem Regime nicht länger vertrauen.

19. August 2009 | " Basij madreseye eshq ast" ("Basij ist die Schule der Liebe") — ein Motto der Basij aus Kriegszeiten, zugeschrieben dem früheren iranischen Premierminister Mir Hossein Mousavi.

Das eingerahmte Portrait des verstorbenen Imam Khomeini im Schulbüro ragte hoch über unseren Köpfen auf.
Der Direktor, ein Invalide und Basij-Veteran des Krieges zwischen Iran und Irak und Organisator der Kampagne für Präsidentschaftskandidat Mir Hossein Mousavi, war sichtlich erschüttert. “Als der Imam starb, dachte ich, es könnte nichts schlimmeres geben. Aber was in diesen letzten Tagen passiert ist..." Eine Woche nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl im Iran waren viele von Omids Freunden und Kollegen der Kampagne bereits verhaftet oder zum Verhör gebracht worden, Männer, mit denen er während des Krieges ein Vierteljahrhundert zuvor an der Front gestanden hatte. Sie hatten zusammen gearbeitet, um die Wahl für Mousavi zu entscheiden in einer Kampagne, die für sie nicht weniger war als die Verteidigung der Revolution, eine Chance, um das Vermächtnis Khomeinis vor dem unwiderbringlichen Verlust zu bewahren.
Jetzt, wo die Wahl vorüber und es fast sicher war, dass sie gestohlen wurde, hatte Omid angesichts der Möglichkeit, verhaftet zu werden, seine Hoffnung verloren. Er fühlte sich nicht länger sicher in dem Land, dass er einst als Teenager verteidigt hatte. “Bad berim. Bayad az Iran berim.” "Wir müssen Iran verlassen.”

Stimmen wie die von Omid sind in der Berichterstattung über Irans Präsidentschaftswahl kaum zu vernehmen, zweifelsohne deshalb, weil sie nicht in die allgemein anerkannte Handlung der Geschichten passt, die uns aus Teheran erreichen. Diese Geschichten, die zum Teil durch die westlichen Medien unterstützt werden, legen nahe, dass die Opposition primär aus jungen, gebildeten Städtern besteht, die der Authorität des Klerus müde sind und unbedingt eine endgültige Trennung von Religion und Politik wollen. Sie wiederum stehen einem Regime gegenüber, das seine Stärke aus den frommen, armen Städtern und Landbewohnern bezieht, einer hochgradig traditionellen Bevölkerungsgruppe, die eine Annäherung an den Westen ablehnt und die schleichende Modernisierung des letzten Jahrzehnts verdammt, die Satellitenschüsseln und fremden Kulturen, die allmählich die nationale Identität Irans abtragen. Und der Wille dieses Regimes wird auf den Straßen von den Basijis durchgesetzt, den religiösen paramilitärischen Freiwilligen, die eine jüngere Version von Omid sind.

Zusammengenommen repräsentiert diese Szenerie der städtischen Fortschrittlichen gegen die religiösen Konservativen für einige westliche Kommentatoren die gesamte Bandbreite der Möglichkeiten für die Islamische Republik. In ihren Analysen stellen sie in Frage, ob die Protestbewegung über die Enklaven der Mittel- und Oberklasse Teherans hinaus wirklich populär ist. Nun, wo die Proteste der Straße gegen den Staat in isolierten und unzusammenhängenden Ereignissen verebben, kehren einige Beobachter sogar wieder zu früheren Behauptungen zurück, dass Ahmadinejad die Wahl vom 12. Juni tatsächlich gewonnen hätte. Beinahe zwei Monate nach der Stimmabgabe nähern sich Stimmen aus den U.S.A. und aus Teheran (aus offenkundig unterschiedlichen Motiven heraus) wieder der Wahrnehmung an, dass die Welt den Iran wieder einmal nicht "erfasst" bzw. den "wahren" Iran nicht verstanden habe.

Die Wahrheit ist, dass das Herz der Opposition aus Männern und Frauen wie Omid besteht. Für diese aufrechten Bürger war ihr Glaube Grund genug, für Mousavi zu stimmen, einen Mann, der weithin anerkannt ist für seine Frömmigkeit, Wahrheitsliebe und Loyalität zum verstorbenen Imam. Sie sind Gläubige, Iraner, die sich dem Versprechen der Islamischen Republik als einem ethischen Projekt verpflichtet fühlen, einem Mittelweg aus Autonomie und tragfähiger Modernität, ohne die materiellen Exzesse und den Säkularismus in Europa und den U.S.A., China und Indien. Tief religiös und dem Andenken Khomeinis verpflichtet, haben sie in großer Zahl für Mousavi gestimmt, um die Kontrolle über ihre Vision des Islam und die postrevolutionäre Staatsbürgerschaft zurück zu gewinnen, die nun von Ahmadinejad und seinesgleichen entstellt wird.

In den Monaten und Wochen vor und nach der Wahl hatte ich die Gelegenheit, mit vielen solchen Wählern zu sprechen. Die meisten waren ehemalige Basiji, Männer wie Omid, die sich in den 1980er Jahren, als sie noch auf die Oberschule gingen, freiwillig zum Kampf gegen Saddam Husseins angreifende Armeen gemeldet hatten. Sie arbeiten heute als Direktoren und Lehrer in vielen der besten privaten islamischen Schulen Teherans, die in dem Ruf stehen, ehrerbietige, ihrem Glauben und der Wissenschaft verpflichtete Absolventen hervorzubringen.

Als geehrte Kriegsveteranen und respektierte Lehrer stehen diese Menschen auf dem Kreuzweg der Vergangenheit und der Zukunft Irans. Es ist eine Zukunft, die viele von ihnen zum ersten Mal in ihrem Leben in Frage stellen.

In unseren Gesprächen betonten sie, dass sie diese Wahl und die darauffolgenden Entwicklungen als einen Kampf um Authentizität sehen, um das Recht, zu definieren, was einen guten Moslem ausmacht. Sie fühlten sich angegriffen von einer Regierung und einer Führung, die nicht willens ist, triviale Politik von dem zu trennen, was sie als erhabene Botschaft des Propheten und des Imams ansahen. Als Lehrer waren sie durch das Vorgehen der Regierung während und nach den Wahlen in ein Dilemma geraten, vor allem durch das Vorgehen des Obersten Führers Ali Khamenei. Ein Politiker wie Ahmadinejad, der in eine Kamera blickt und Lügen über die Inflation und die Arbeitslosigkeit erzählt, ist eine Sache - was aber sollten sie über Khameneis dann folgende Bestätigung dieses Präsidenten denken? Was sollten sie ihren Schülern sagen, wenn sie im Herbst wieder in die Schulen kommen würden?

Einer der Direktoren sagte mir, er und seine Kollegen würden versuchen, diesen Kindern beizubringen, gerecht und ehrlich zu sein. Indem er einen Mann unterstützte, der keins von beidem ist, war Khamenei seiner Verantwortung nicht gerecht geworden. "Dieser Mann kann nicht länger Führer sein".
Ein anderer Direktor, mit dem ich sprach, war sich weniger sicher über das weitere Vorgehen. "Wenn unsere Väter "Tod dem Schah" riefen", sagte er, "dann geschah das, weil sie dessen Regime als islamfeindlich ansahen. Aber meinen eigenen Sohn "Tod Khamenei" rufen zu hören - das ist zu viel. Ich finde es schwierig zu akzeptieren, weil er gegen eine Regierung der Religion, eine Regierung des Islam protestiert."

Konflikte wie diese haben sehr viele meiner Interviewpartner veranlasst, zu überdenken, ob die Islamische Republic an sich noch realisierbar sei. Vor allem betonten sie, dass der Islam bewahrt werden müsse. Wenn das System verändert werden müsse, so solle dies geschehen. Vielleicht war nur Ayatollah Khomeini zum Obersten Führer befähigt, wie der "Charismatische Führer" des Soziologen Max Weber, der keinen ebenbürtigen Nachfolger hat. Einer der Lehrer drückte es so aus: "Vielleicht ist diese Position [des faqih, oder des Obersten Führers], diese Verantwortung, wie eine reife Frucht. Köstlich, süß, dem Auge schmeichelnd, lockt sie irgendwann Fliegen an."

Veränderung ist das Thema dieses Jahres, eifrig aufgenommen von den Massen im Iran und in den Vereinigten Staaten. Veränderungen erfordern es, dass wir den anhaltenden und schädlichen Vermutungen über den Iran ein Ende setzen - der Wahrnehmung, dass die Religiösen reflexartig von Ahmadinejads Art der Politik angezogen werden, oder dass es einen "authentischen" Iran gibt, der irgendwo südlich des Vanak Square angesiedelt ist. Wenn wir verstehen wollen, wohin sich die noch im Aufbau begriffene gesellschaftliche Bewegung im Iran bewegen könnte, würden wir gut daran tun, unser Augenmerk auf unerwartete Orte zu richten, auf Menschen wie Omid zu achten. Die Tiefe der iranischen Oppositionsbewegung sollte an den Protesten und Aufschreien dieser Menschen gemessen werden und nicht nur denen der jugendlichen Abtrünnigen der Nation, diesen nicht Gläubigen, die die Idee einer Islamischen Republik niemals überhaupt je akzeptiert haben.

Omid und seine Gefährten marschieren nicht deshalb auf den Straßen, weil sie weltlich sind oder ein Interesse daran haben, Iran den USA ähnlicher zu machen. Nein, sie stellen sich der gegenwärtigen Regierung in deren eigener Sache entgegen, im Namen des Islam.

Von Shane M. - Salon.com

Anmerkung der Redaktion: Aus Gründen der persönlichen Sicherheit hat der Autor seinen Namen geändert. In früheren Artikeln hat er sowohl "Anonymous" als auch das oben genannte Pseudonym verwendet.

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Themenbezogener Link (auf Englisch):
http://www.huffingtonpost.com/narges-bajoghli/devouring-their-own-the-b_b_264939.html

Deutsche Übersetzung: http://lilalinda-juliasblog.blogspot.com/2009/08/basiji-in-islamic-republic-auf-deutsch.html