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Samstag, 3. Oktober 2009

Mousavi: Soziale Netzwerke müssen stärker werden

Quelle (Englisch): http://english.mowjcamp.com/article/id/39529
Veröffentlicht auf mowjcamp am 2.10.2009

Übersetzung: Julia
Bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben

Zum wiederholten Male hat Mir Hossein Mousavi mit Nachdruck auf die "Netzwerke im Cyberspace" hingewiesen, die angesichts fehlender ausgewogen und unabhängig berichtenden Medien "sehr effektiv" gewesen seien. Er betonte, wie wichtig die "sozialen Netzwerke hinter dem Cyberspace" seien, die "weniger angreifbar" sind. "Die Mitglieder dieser Netze haben der Bewegung Aktivität verliehen und uns Hoffnung auf große Wirkung dieser Gruppen gemacht."

Bei einem Treffen mit Mitgliedern der Reformfraktion des iranischen Parlaments betonte Mousavi die Notwendigkeit "nationaler Einheit" und erklärte: "die Grüne Bewegung hat sich nach den Wahlen ausgebreitet und vertieft und im Land einmalige Verhältnisse geschaffen. Teile der Gesellschaft, die das Vertrauen in das System verloren hatten, denken jetzt wieder mit mehr Zuversicht an das Schicksal des Landes”

Mousavi sagte: "Die Tatsache, dass die Menschen freundlicher zueinander sind und einander mehr Toleranz entgegenbringen ist ein Ergebnis der gegenwärtigen Situation, das die nationale Einheit stärken und die Risse lindern kann, wenn es denn als Chance wahrgenommen wird.”

Mousavi argumentiert, dass die Gründung neuer Parteien die Möglichkeiten des Landes nicht verbessern würde, wohingegen eine Stärkung der sozialen Netzwerke diesen Effekt haben könnten.

“Für den Quds-Tag gab es keine Ankündigungen, trotzdem haben wir an dem Tag eine starke Präsenz verzeichnet, und dies trotz der Atmosphäre der Angst und den Ereignissen der vergangenen 3 Monate," sagte Mousavi. "Das war Ergebnis und Effekt dieser Netzwerke."

Mousavi sprach auch den Missbrauch von Häftlingen und die Misshandlung von Studenten an, die die Gesellschaft, insbesondere die Jugend, radikalisiert hätten. Er rief die Regierung und die Geheimdienste zur Zurückhaltung auf, damit eine "Radikalisierung der Gesellschaft" vermieden werde.

Der frühere Premierminister erklärte, das Ausland werde die Illegitimität und Inkompetenz der Regierung für ihre eigenen Ziele nutzen. "Wir können mit Sanktionen gegen das Land nicht einverstanden sein, wir können nicht damit einverstanden sein, unsere Rechte aufzugeben, und wir können nicht zulassen, dass durch Abenteurertum noch mehr Leid über die Menschen kommt." Mousavi äußerte sich besorgt darüber, dass wegen der fehlenden fairen Medien (im Iran) die Menschen ihre Nachrichten vermehrt aus ausländischen Medien beziehen könnten.

Der unterlegene Präsidentschaftskandidat rief weiterhin zur vollständigen Anwendung der Verfassung auf, um die derzeitige Krise zu umgehen, und äußerte die Hoffnung, dass das Parlament die ihm zugeteilte Rolle bei der Lösung der Probleme im Land ausfüllen werde.

Donnerstag, 27. August 2009

Beheshte Zahra July 13-15 - Deutsch

Quelle der englischen Übersetzung: http://minaakbari.wordpress.com/
Übersetzung Farsi-Englisch: Suzi Mansourian

Übersetzung Englisch-Deutsch: Julia


"Was geschah auf dem Behesht-e Zahra-Friedhof am 13., 14. und 15. Juli 2009?"

Ich bin Studentin an der Universität. Ein Mitglied meiner Familie arbeitet auf dem Behesht-e Zahra-Friedhof. Wir gehören einer wirtschaftlich schlecht gestellten Klasse an, und wir alle unterstützen Ahmadinejad (ob es euch gefällt oder nicht!) Aber wir glauben, dass es einen Wahlbetrug gegeben hat! Wir sind für die Regierung Ahmadinejad, weil sie alle Angestellten des Friedhofs (besonders uns) mit Wohnungen versorgt hat. Ich glaube daran, dass es eine andere Macht ist als Ahmadinejad, die all diese Verbrechen begeht, und wenn er [Ahmadinejad] von diesen Verbrechen wüsste, würde er ganz sicher gegen sie vorgehen. Vielleicht kann er aus irgendeinem Grund nicht zeigen, dass er gegen diese Verbrechen ist - lasst uns hier nicht darauf eingehen.

Meine Mutter, die seit langem auf dem Friedhof arbeitet und Nachtschichten in der Serviceabteilung macht, erzählte uns, dass sie am 13., 14. und 15. Juli Informationen bekamen, dass Leichen von mehreren Unfallopfern erwartet würden, die bei Nacht begraben werden sollten! Wir alle waren überrascht, und ich hatte das Gefühl, dass etwas nicht stimmte.

Ich fragte meine Mutter immer wieder nach den Leichen von den Menschen, die während der Proteste getötet wurden, aber sie wollte meine Gefühle schonen und sprach gewöhnlich nicht darüber, sondern sagte, ich solle mich lieber auf mein Studium konzentrieren. Dieses Mal aber sollten [die Bestattungen] während der Nachtschichten stattfinden. Zwar gab es öfter nächtliche Beerdigungen, wenn es Unfälle gegeben hatte und man wegen Verspätungen mehr Zeit brauchte. Dieses Mal aber waren es drei Nächte hintereinander! Ich wollte meine Mutter eigentlich hinbringen, aber sie sagte, sie würde abgeholt.

Sie kam um 6 Uhr morgens nach Hause, und ich fragte sie, was los gewesen sei. Sie antwortete nicht, aber ich konnte Sorge und Trauer in ihrem Gesicht sehen. Ich fragte noch einmal. Sie sagte mir, ich solle schlafen gehen! Sie hatte am nächsten Tag frei und kümmerte sich um den Haushalt. Ich sah ihre Hände, auf denen Stempelfarbe zu sehen war, so als ob sie ihren Fingerabdruck irgendwo hingesetzt hätte. Ich fragte sie "Möchtest du mir nicht sagen, was passiert ist? Waren das wirklich Unfallopfer?" Sie sagte, ich solle still sein und dass sie sich nicht gut fühlt. Ich fragte nicht weiter.

Um Mitternacht bekam sie einen Anruf auf ihrem Handy, dann wurde sie wieder abgeholt. Dieses Mal kam sie am nächsten Morgen um 7 Uhr zurück und sah sehr traurig und müde aus. Sie ging schlafen. Um 9 Uhr hörte ich sie weinen. Ich stand auf und sagte zu ihr "Entweder sagst du mir jetzt sofort, was los ist, oder ich fahre nach Behesht-e Zahra und finde es selbst heraus". Sie sagte, es sei nichts. Ich sagte: "Dann rufe ich jetzt Tante Mahin (ihre Kollegin) an und frage sie". Meine Mutter sagte, Tante Mahin wisse nichts darüber. Ich sollte erwähnen, dass die Arbeit meiner Mutter sehr hart ist und dass sie deswegen sehr stark ist. Ich habe niemals vorher erlebt, dass sie wegen ihrer Arbeit weint, obwohl sie ein sehr weiches Herz hat.

Ich bestand darauf, dass sie mir sagt, was vor sich geht. Ich musste bei dem Grab meines Vaters schwören, nicht weiterzusagen, was sie mir erzählen würde. Ich willigte ein. Sie holte den Heiligen Koran, und ich musste mich waschen, meine Hand darauf legen und schwören, niemals etwas zu erzählen (ich habe mich sehr gewundert! Es schien sehr wichtig für sie zu sein, all das zu "vertuschen". Nie zuvor hatte sie von mir verlangt, einen solchen Schwur zu leisten). Sie sagte, sie würde dabei hauptsächlich an meine Sicherheit denken.
Jedenfalls leistete ich den Schwur, so wie sie es wünschte. Dann begann sie:

"Vorletzte Nacht (am 13. Juli), als ich in die Abteilung kam, sah ich ungefähr 30 gefrorene Leichen, die zum Auftauen dort lagen. Es waren viele bärtige Männer da, sie brachten mich und meine Kollegen in ein Zimmer. In dem Zimmer war ein älterer Mann mit einem Stempelabdruck auf seiner Stirn. Er sagte uns, dass wir in mehreren Nächten die Leichen einiger Feinde begraben müssten. Er sagte, sie seien antirevolutionär gewesen und hätten sie angegriffen und mehrere ihrer Soldaten getötet. Sie erklärten uns, dass sie die Leichen zur Identifizierung ins Land gebracht hätten, und dass sie abseits von Medien und den Augen von Spionen begraben werden müssten.
Er sagte, wenn wir darüber mit irgendjemandem sprechen würden, wäre unser und das Leben unserer Familien in großer Gefahr. Dann mussten wir unsere Nachnamen sagen, und er schrieb sie auf. Am Ende nahmen sie unsere Fingerabdrücke und erinnerten uns noch einmal daran, was er gesagt hatte. Dann brachten sie uns zurück an unsere Arbeitsplätze. Die meisten Leichen waren männlich, und es gab unter uns auch mehr männliche Arbeiter. In der Frauenabteilung waren wir nur wenige. In dieser Nacht gaben sie uns fünf Leichen von Frauen und Kindern, vollständig gefroren, aber ich glaube, in der Männerabteilung waren mehr als 20 Leichen.
Der Direktor des Friedhofs war auch da, und er sagte uns, dass wir bis 5 Uhr morgens, also vor Sonnenaufgang fertig sein müssten, selbst wenn wir es nicht schaffen würden, alle fünf Leichen vollständig zu waschen und zu begraben. Auf den Gesichtern der Frauen war gefrorenes Blut, und wir konnten schwere Verletzungen in ihren Gesichtern erkennen. Drei von ihnen waren in mittlerem Alter, zwei waren zwischen 20 und 30 Jahre alt. Der Kopf einer der Jüngeren war vollkommen aufgebläht. Das Eis schmolz nur schwer, und sie waren hart wie Holz. So haben wir sie begraben."

Meine Mutter wollte nicht weiterreden über die Dinge, die sie am 14. Juli gesehen hatte, aber ich bestand darauf.

Sie fuhr fort:
"Heute nacht sind wir wieder hingefahren, und es waren vier Mal so viele Leichen dort! Über 100! In der Frauenabteilung gab man uns 23 Leichen ohne Identität. Von den bärtigen Männern (Zivilpolizisten) gab es ebenfalls drei- oder vier Mal mehr als in der Nacht zuvor. An den Toren zum Friedhof standen Wachen, alle Eingänge wurden kontrolliert. Wir fingen an zu arbeiten. Aber wir sagten, dass wir bis 5 Uhr morgens nicht fertig werden könnten. Der ältere Mann mit dem Stempel auf der Stirn kam herein, und wir protestierten, denn Männer waren in der Frauenabteilung nicht erlaubt. Er sagte uns, dass all diese Frauen Prostituierte, Mörderinnen und Landesverräterinnen seien. Er sagte, er würde uns Verstärkung aus der Männerabteilung bringen! Aber es gab auch viele Leichen dort. Jedenfalls kamen drei der männlichen Mitarbeiter (zum ersten Mal) in die Frauenabteilung und halfen uns. Was mich am meisten empörte, war der Anblick der gefrorenen Mädchenleichen, die nicht nur gebrochene Kiefer, sondern auch geronnenes Blut an ihren Genitalien hatten. (Als Karroubi die sexuellen Übergriffe enthüllte, war ich sehr schockiert, denn wir hatten vermutet, dass mit diesen Frauen in der Haft so etwas geschehen sein könnte.)
Heute Nacht waren die Leichen nicht so stark gefroren, aber wir konnten die Markierungen sehen, die das Eis auf ihnen hinterlassen hatte. Unter ihnen waren Mädchen, die jünger als 20 waren. Wir arbeiteten sehr schnell, und mit der Hilfe der Männer waren wir um 4 Uhr morgens mit 14 von ihnen fertig. Dann brüllten die Männer uns an, wir sollten die anderen begraben, ohne sie zu waschen und einzuwickeln. Das haben wir auch getan. Bis 5 Uhr hatten wir 17 Leichen begraben. Sie sagten uns, wir sollten die letzten sechs zudecken und sie begraben lassen, aber ihr Boss sagte, dass es bereits zu spät sei und nur noch wenig Zeit war bis Sonnenaufgang, so dass der Rest in der folgenden Nacht erledigt werden müsste."

Meine Mutter hatte Tränen in den Augen. Sie sagte, sie müsse morgen wieder hingehen, es wäre die letzte Nacht. Meine Mutter hatte von ihren Kolleginnen gehört, dass diese Leichen alle von den jüngsten Protesten gegen die Wahl stammten. Am 15. Juli fuhr sie wieder nach Behesht-e Zahra, und ich konnte nicht schlafen. Ich wartete auf sie. Sie kam gegen 7 Uhr morgens zurück. Ich lief zu ihr und griff nach ihren Händen. Sie setzte sich hin und sagte, ich solle nicht weitersagen, was sie mir erzählt hätte. Sie sagte, dass sie in dieser Nacht die Leichen ohne Vorbereitung begraben hätten, und dazu noch die restlichen Leichen der vorigen Nächte.
Einige Wochen später hörte meine Mutter, dass nicht alle Leichen nach Behesht-e Zahra gebracht worden waren, sondern einige auch an unbekannte Orte. Einer der Angestellten des Bestattungsdienstes, mit dem wir befreundet sind, sagte, dass sie einige Gräber leer lassen mussten, und wenn jemand seinen verstorbenen Angehörigen beerdigen lassen wollte, sollten sie diese leeren Gräber benutzen. Die Nummern der Gräber brauche ich nicht zu sagen, denn die wurden ja von BBC genannt.

Ich sollte noch sagen, dass sie [BBC?] in ein paar Tagen mit dem Direktor von Behehst-e Zahra darüber sprechen werden, warum er Nummern statt Namen für die Gräber verwendet hat. Ich gebe diese Informationen weiter, obwohl ich geschworen habe, es nicht zu tun. Es ist mir egal, was passiert. Auch wenn sie für Mousavi waren und ich gegen sie war, so waren sie trotzdem meine Mitbürger, und mein Leben ist nicht mehr wert als ihres.

Dienstag, 25. August 2009

Interview Alireza Beheshti 23. (?) August 2009

Übersetzung aus dem Englischen: Julia
Quelle: http://enduringamerica.com/2009/08/25/iran-interview-mousavi-advisor-beheshti-on-the-election/

In einem Interview am vergangenen Wochenende mit der Zeitung Etemad hat Mir Hossein Mousavis Berater Alireza Beheshti auf die Ereignisse des Wahltags und der Zeit bis Mitte Juli zurückgeblickt. Das Interview ist eine Schatztruhe voller Informationen und Hinweise auf die Strategien sowohl der Mousavi-Kampagne als auch des Regimes.
Es liefert neue Enthüllungen über den Verlauf der Proteste und die Koordination zwischen Mousavi und Hashemi Rafsanjani vor dem Freitagsgebet vom 14. Juli. Am Schluss beantwortet Beheshti die Frage "Falls man Sie verhaften will - sind Sie bereit?"
mit “Ja, nicht nur ich, sondern auch alle anderen Mitglieder meiner Familie".

(Die Originalübersetzung befindet sich auf der Facebook-Seite von Mir Hossein Mousavi. Wir haben die englische Grammatik leicht verändert, wenn dies zur größeren Klarheit erforderlich war).

Frage (F): Sie sind einer der engsten Mitarbeiter von Herrn Mousavi. Was ist am Wahltag in der zentralen Hauptgeschäftsstelle passiert? Was hat Herr Mousavi an jenem Tag getan?

Antwort (A): Die Geschäftsstelle war auf mehreren Gebieten aktiv, aber an diesem Tag spielte sich das wichtigste beim Komitee zur Sicherung der Stimmen ab. Dieses Komitee hatte ein System zur direkten online-Kommunikation mit unseren Beobachtern in den Wahllokalen eingerichtet.
Natürlich hatte nur eine begrenzte Anzahl von Beobachtern die Genehmigung, in den Wahllokalen anwesend zu sein. Wenn die Behörden sagen "Mehr als 40.000 Vertreter von Mousavi waren in den Wahllokalen anwesend", so sieht die Realität etwas anders aus. Wir hatten etwa 40.000 Freiwillige, für die wir Genehmigungen beantragt hatten, aber nur 25.000 von ihnen haben die Genehmigung und die Plaketten erhalten. Für die übrigen wurden keine Plaketten ausgestellt, und sie durften nicht bei den Wahlkabinen anwesend sein. Auch viele der Freiwilligen, die eine Plakette hatten, wurden aufgefordert, die Wahllokale zu verlassen. Man hat versucht, unsere Beobachter von ihrer Arbeit abzuhalten.
Wir hatten vorhergesehen, dass die Kommunikationsbehörde den drahtlosen Dienst unterbrechen würde, insbesondere den SMS-Service, also hatten wir mit ihnen im Voraus Kontakt aufgenommen, und sie hatten uns diese Dienste für den Wahltag zugesichert. Wir hatten außerdem die Anzahl der Festnetzleitungen im Zentralbüro erhöht. In der Nacht vor dem Wahltag wurden alle drahtlosen Dienste einschließlich SMS geschlossen. Als wir an diesem Abend die für das Komitee installierten Festnetzleitungen benutzen wollten, stellten wir fest, dass alle 300 Leitungen außer Betrieb waren.
Herr Mousavi war ebenfalls anwesend und arbeitete beim Komitee zur Stimmensicherung mit.

F: Als Sie die Unterbrechung der Telefondienste bemerkten - haben Sie den Rat von juristischen Stellen eingeholt?

A: Die Mitarbeiter der Zentrale und auch Herr Mousavi selbst haben wegen dieser Fragen viele Kontakte zu Behörden gehabt, sowohl vor, als auch während, als auch nach dem Wahltag.

F: Wer wurde kontaktiert, in welchem Büro?

A: Wir haben das Innenministerium kontaktiert, wir haben Vertreter dorthin geschickt. Wir haben den Wächterrat konsultiert, das Justizministerium, sogar den Stellvertreter von Ayatollah Khamenei haben wir um Rat gefragt. Wir haben alles getan, was wir konnten, haben aber keinen echten Willen zur Lösung dieser Probleme erkennen können.

Zur selben Zeit haben wir aus dem, was unsere Beobachter uns mitteilen konnten, von massiver Unterstützung seitens der Wähler erfahren - positive und ermutigende Worte von Mousavis Wählern, die aus den Wahllokalen zurückkehrten. Es war gegen 2 Uhr morgens, als wir merkten, dass es bei der Wahl ernstere Probleme gab. Bis dahin war die besorgniserregendste Nachricht gewesen, dass es in manchen Städten, sogar in Großstädten wie Tabriz und Shiraz, nicht genügend Registrierungsformulare für Wähler gab. Es gab auch das Problem der verlängerten Öffnungszeit für Wahllokale. In den meisten vorangegangenen Wahlen hatten die Behörden immer die Öffnungszeiten verlängert, um eine maximale Beteiligung zu erreichen. Bei dieser Wahl jedoch schien es anders zu sein. In manchen Distrikten wurden die Wahllokale schon um 19:30 geschlossen und die Wahlen gestoppt. Das war sehr merkwürdig.

F: Was geschah um 2 Uhr morgens?

A:Es hatte den Anschein, als wären die Behörden nicht länger daran interessiert, die eigentlichen Stimmen zu zählen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Fokus auf "Computer-Stimmenzählung" verlagert - etwas, was eigentlich als Experiment gedacht war.

F: Es ist gesagt worden, dass Ali Larijani [Parlamentssprecher] Herrn Mousavi am Wahltag angerufen und ihm zu seinem Sieg gratuliert hat. Können Sie das bestätigen?

A: Ich erinnere mich nicht an diesen speziellen Anruf, aber ich weiß, dass an diesem Tag viele Beamte und Institutionen anriefen und Herrn Mousavi gratulierten. Die Stimmendifferenz war so groß, dass niemand sich vorstellen konnte, dass das Wettrennen zwischen Mousavi und Ahmadinejad in eine zweite Runde gehen könnte.

F: Gab es einen Gratulationsanruf von Regierungsmitarbeitern?

A: Daran kann ich mich im Moment nicht erinnern.

F: Was war es, was Herrn Mousavi veranlasste, am Wahltag um 23 Uhr seinen Wahlsieg zu verkünden? Dies hat bei den gegnerischen Kandidaten viel Kritik hervorgerufen.

A: Die offiziellen und regierungstreuen Medien hatten Ahmandinejads Wahlsieg in den frühen Abendstunden verkündet. Wir hatten sogar Informationen, dass Zeitungen, die Ahmadinejad unterstützen, ihre Seiten über den Wahlsieg am Donnerstag [der Tag vor der Wahl] vorbereitet hatten. In manchen Fällen haben sie die Seiten modifiziert, so dass sie neutral wirkten. Es war offensichtlich, dass die Wahl sich in eine illegale Richtung entwickelte. Wir hatten bestimmte Statistiken, hatten auch Informationen über Kontakte, die bestätigten, dass Herr Mousavi der Sieger war. Das war der Grund, warum Herr Mousavi sich entschloss, seinen Sieg zu verkünden.

F: Am Wahltag haben wir Angriffe und die erzwungene Schließung der Wahlzentrale Mousavis durch die Behörden gesehen. Wann haben Sie die Behörden kontaktiert, aus welchem Grund haben sie das getan?

A: Einer der sehr verdächtigen Punkte am Wahltag waren die Razzien gegen Mousavis Wahlzentralen und deren illegale Schließungen. Zum Beispiel wurden die Zentralen in Gheytarieh und bald darauf die Hauptzentrale ohne irgendeinen offiziellen Vollstreckungsbewehl geschlossen. Die Behörden, mit denen wir Kontakt aufnahmen, haben uns keine Antwort gegeben und keinen Grund dafür genannt. Unsere Anfragen dazu waren immer einseitig, wir schrieben Briefe und reichten Berichte ein, bekamen aber nie Antworten oder sahen irgendwelche Aktionen seitens der Behörden.

F: Die Bekanntgabe der Stimmenauszählung begann um Mitternacht und dauerte bis 9 Uhr am nächsten Tag [Samstag]. Zwischen 9 Uhr und 12 Uhr Mittags gab es keine Nachrichten. Wie war die Situation in dieser Zeit in den Wahlzentralen, und wie ging es Herrn Mousavi?

A: Wir blieben bis 5 Uhr morgens wach und ruhten uns dann etwas aus. Wir hörten die offiziellen Nachrichten. Die Reaktion der Gegenseite war uns seit 2 Uhr am Vortag klargeworden. Darum waren wir nicht mehr schockiert, als wir die Nachrichten hörten, aber wir waren schockiert über einige Kommentare und Reaktionen seitens des Wächterrats.

F: Am Samstag, nachdem das Endergebnis bekanntgegeben worden war - was plante Herr Mousavi vor dem Hintergrund der ihm vorliegenden Wahlstatistiken?

A: Wir konnten nichts tun, denn unsere Kontakte, die Unregelmäßigkeiten bei der Stimmabgabe beobachtet hatten, waren am selben Tag verhaftet worden. Die Mitarbeiter der Wahlzentralen wurden innerhalb von zwei Tagen nach der Wahl verhaftet und mit gefälschten Anklagen ins Gefängnis gebracht. Am Samstag waren wir damit beschäftigt, herauszufinden, wer verhaftet wurde, warum unsere Büros geschlossen worden waren, und mit vielen anderen Fragen.

F: Aber am selben Tag kamen viele Menschen auf die Straßen, um zu protestieren, und manche zahlten einen hohen Preis. Wo waren Herr Mousavi und sein ursprüngliches Team an diesem Tag, und was haben sie gemacht?

A: An diesem Tag hatten wir Meetings, denn es ist immer Herrn Mousavis Prinzip gewesen, gewaltsame Konfrontationen zu vermeiden und die Risiken für die Menschen zu minimieren. Wir trafen uns, um einen Sonderaktionsplan zur Erreichung unserer Ziele zu formulieren. Andererseits hatten wir, und haben nach wie vor, keine Intention, die Regierenden zu stürzen. Wir haben uns innerhalb des vom etablierten System vorgegebenen Rahmen beteiligt. Unsere Absicht war es, mit unseren Protesten innerhalb dieses Rahmens zu bleiben.

F: Wir haben schockierende Szenen der sozialen Unruhen zwischen dem Wahltag und dem 15. Juni gesehen. Für den 15. Juni hatten sowohl Herr Mousavi als auch Herr Karroubi Genehmigungen für Demonstrationen beantragt, beide wurden abgelehnt. Trotzdem hielten die Menschen an diesem Tag massive Demonstrationen ab. Haben Sie mit einer derartig hohen Beteiligung gerechnet?

A: Nein, ganz sicher konnten wir uns die Menschenmassen nicht vorstellen, die zu den Demonstrationen kamen. Wie Sie schon sagten, hatten sowohl Herr Mousavi als auch Herr Karroubi Demonstrationsgenehmigungen beantragt, und wir erhielten keine Antwort. Selbst am Mittag dieses Tages wussten wir nicht, ob die Anträge genehmigt oder abgelehnt werden würden. Mittags bekamen wir die Nachricht, dass die Genehmigungen nicht erteilt werden würden. Da wir keinen Zugang zu den nationalen Medien hatten, konnten wir die Menschen nicht darüber informieren und sie nicht auffordern, zu Hause zu bleiben. Wir wollten Sendezeit im nationalen Fernsehen haben, aber auch dies wurde uns nicht genehmigt. Das ist der Grund, warum sowohl Herr Mousavi als auch Herr Karroubi beschlossen, sich an den Demonstrationen zu beteiligen, damit mögliche gewaltsame Zusammenstöße mit Sicherheitskräften vermieden werden könnten.
Wir hatten drei Möglichkeiten, die Proteste zu organisieren. Wir vermieden die, die zu gewaltsamen Zusammenstößen außerhalb des etablierten Rahmens führen würden, und entschieden uns für gewaltlosen zivilen Protest. Die Menschen haben diesen Weg in den Demonstrationen vom 15. Juni akzeptiert. Dies war von uns beabsichtigt gewesen.
Eine weitere Maßnahme bestand darin, dass die wichtigsten Mitglieder der Wahlzentralen auf die Straßen gingen, um mit den Menschen zu reden und sie dazu zu bringen, nach Hause zu gehen. Als wir aber die riesige Welle von Menschen sahen, schlossen wir uns ihnen selbst an. Da die Demonstration nicht genehmigt war, hatten wir kein Disziplinarkomitee organisiert, aber wir sahen, dass die Menschen am 15. Juni bei den Demonstrationen ohne Schwierigkeiten und Verwicklungen dort teilnehmen konnten. Selbst die wenigen Menschen, die Slogans außerhalb des Rahmens skandierten, wurden von den Menschen selbst kontrolliert.
Vor der Wahl waren die Anhänger von Mousavi und Ahmadinejad in den Hauptstraßen der Stadt
[ohne Gewalt] aufeinander getroffen. Damals sagte ich zu einem Freund in der Zeitung "Kalameh Sabz", wenn dies in einem frühen Stadium der Wahl passiert wäre, wäre mit Sicherheit ein blutiger Konflikt daraus entstanden. Diese Begebenheit zeigt, dass die Menschen ein hohes politisches Bewusstsein und Verständnis erreicht haben und keine Schuld tragen an den Brutalitäten, die nach der Wahl passierten.

F: Vor dem Hintergrund der großen Präsenz der Menschen bei der Demonstration vom 15. Juni schien es, dass die Regierung ihre Methode und Ihren Ansatz für die Wahl ändern würde, aber nichts dergleichen geschah. Haben Sie etwas unternommen, um diese Veränderungen zu erreichen?

A: Wir haben viele Ziele verfolgt. Wir haben mehrere Treffen mit vielen verschiedenen rechtlichen Behörden organisiert, um die Wahl grundsätzlich zu überprüfen, denn die Forderung der Menschen war weder die nach einem Regierungswechsel, noch die nach einem Wechsel der generellen Machtstruktur. Ihre einzige Forderung war die Veränderung der Exekutive des Regimes und der Regierung.

….[Die Machthaber] hätten den Wunsch des Volkes mit Hilfe der legalen Instrumentarien erfüllen müssen, aber sie taten das nicht. Wir haben keine Hoffnungen in den Wächterrat gesetzt, von dessen Mitgliedern viele vor der Wahl Dienststellungen zu Gunsten Ahmadinejads besetzt hatten.

F: Es gab Berichte, nach denen Mousavi gesagt haben soll, dass er sich für die nächste Runde nicht nominieren lassen würden, wenn die Wahl für ungültig erklärt würde. Stimmt das?

A: Der Punkt ist, dass einige Personen der Obrigkeit persönliche Probleme mit Herrn Mousavi hatten. Also sagte er: Wenn Sie diese Wahl wiederholen und ich das einzige Problem dabei bin, werde ich mich für die nächste Runde nicht nominieren.

F: Drei Tage nach der Wahl trafen die Vertreter der Kandidaten mit dem Obersten Führer zusammen. Was geschah bei diesem Treffen?

A: Was gesendet wurde, waren die Worte des Obersten Führers; das, was die Vertreter gesagt haben, wurde nicht veröffentlicht. Bei dem Treffen haben die Vertreter der drei Oppositionskandidaten ernsthafte Einwände gegen die Wahl geäußert und die Annullierung gefordert. Sie haben Beispiele für Rechtsverletzungen und Betrug angebracht. Was der Führer bei diesem Meeting sagte, war sehr ermutigend, und der folgende sicherheitsorientierte Ansatz der Regierung für die nächste Demonstration war ein gutes Zeichen, dass das Regime friedlich agieren würde.

F: Was war es, das an jenem Freitag [19. Juni] geschah und die Ereignisse des Samstag [20. Juni] auslöste, als die Reaktion heftig wurde, die Gewalt eskalierte und der Preis für die Menschen sehr viel weitreichender wurde?

A: …. Die Menschen waren nicht gegen das System, sie waren lediglich gegen die Wahl, die innerhalb des Systems stattgefunden hatte. Sie forderten keinen Systemumsturz. Weder das Volk noch die Kandidaten der Präsidentschaftswahl in der Islamischen Republik Iran forderten einen Umsturz... Die Einmischung seitens des Regimes führte jedoch dazu, dass die Menschen das System stürzen und demontieren wollten.
Dies ist der Grund, warum an jenem Samstag solche Dinge passierten und die Sicherheitskräfte sehr viel heftiger reagierten als vorher.

F: Zu jenem Zeitpunkt wurde [der frühere Präsident] Hashemi Rafsanjani gar nicht erwähnt. Hat Herr Mousavi sich mit Herrn Hashemi getroffen?

A: Nein, denn das Problem lag ja bei den Kandidaten, nicht bei Hashemi oder gar [Ex-Präsident] Khatami. Die Angelegenheit stand im Zusammenhang mit der Wahl, und es gab keinen Grund, diese beiden Herren mit hineinzuziehen.

F: Aber wir sahen, dass diese beiden Herren nach einiger Zeit am Protest beteiligt waren.

A: Ja, als das harte Vorgehen der Sicherheitskräfte intensiviert wurde und die Frage nach der Zukunft des Systems aufkam, betraten Hashemi als einer der Unterstützer des Systems sowie Herr Khatami die Bühne. Dieses bedauerliche Verhalten [der Regierung] gegenüber dem Volk, dieses Verhalten, das wir nicht sehen wollten, ist leider geschehen. Wir wussten auch, dass es keinen Raum mehr für zivile Methoden geben würden, sollte sich die Atmosphäre noch mehr militarisieren.

F: Jedes Jahr wurden die Feierlichkeiten zum Tag des 7. Tir offiziell [ein Platz in Teheran] abgehalten, doch in diesem Jahr haben sich die Menschen während der Zeremonie in der Qoba-Moschee [am 28. Juni] auch in die Shariati-Straße bewegt. Was war der Grund?

A: Wir selbst hatten jedes Jahr eine Zeremonie abgehalten, aber dieses Mal war Herr Mousavi anwesend, und natürlich haben viel mehr Menschen teilgenommen. Wir hatten absolut nicht mit so vielen Menschen gerechnet. Aus diesem Grund war es geplant, die Zeremonie innerhalb der Moschee abzuhalten. Dadurch konnten wir allerdings nicht die vollständige Zeremonie durchführen. [Präsidentschaftskandidat Mehdi] Karroubi war bei der Zeremonie anwesend, und Herr Mousavi wollte ebenfalls kommen, doch er kam auf den Straßen nicht durch. Das lag erstens an den Menschenmassen dort und zum anderen an den Sicherheitskräften. In dieser Situation war alles, was ich tun konnte, einen Sprecher von der Polizei dazuzuholen, der die Menschen darüber informierte, dass Mousavi nicht kommen könne.

F: Hat das Sicherheitszentrum vor der Zeremonie mit Ihnen Kontakt aufgenommen?

A: Ja, das Sicherheitszentrum war nach der Auflösung der Zeitung Kalameh Sabz in engerem Kontakt mit uns. Sie haben an wechselnden Tagen mit uns Kontakt aufgenommen. Vor der Zeremonie in der Qoba-Moschee kontaktierten sie uns ebenfalls und erinnerten uns daran, dass sie sich um die Menschen und ihren Protest kümmern würden. In der Zeremonie in der Qoba-Moschee gab es bis zum Schluss keine Gewalt. Leider wurde das Vorgehen gewalttätig, als die Menschen sich Richtung Shariati-Straße bewegten.

F: Warum wurde die Zeitung Kalameh Sabz aufgelöst?

A: Das Büro der Zeitung kontaktierte mich und sagte mir, es seien Sicherheitskräfte ins Redaktionsbüro gekommen. Ich fuhr hin... sie durchsuchten alles, und als ich sie fragte, warum, antworteten sie, dass während der Demonstrationen zum 7. Tir [oder auf dem 7-Tir-Platz am 20. Juni?] einige Protestteilnehmer im Büro Zuflucht gesucht hätten, andere hätten vom Dach aus fotografiert. Später fand ich heraus, dass ihre Behauptungen nicht stimmten, aber selbst wenn sie gestimmt hätten, darf eine Presse- oder Nachrichteninstitution Fotos von wichtigen Ereignissen machen. Wenn ein Reporter keine Fotos davon machen würde, so würde man ihn fragen, warum er es nicht getan hätte und wo er gewesen sei. Was ist falsch daran, Fotos von einer Demonstration zu machen?

Der Chef eines der Sicherheitsteams kam und forderte uns auf, einige Papiere zu unterschreiben. Auf den Papieren stand, dass einige "scmutzige" CDs gefunden worden seien. Sie verhafteten einige Mädchen und Jungen. Ich habe nichts unterschrieben und gefragt, wann diese Dinge hier geschehen seien. Jedenfalls wurde das Büro an jenem Tag geschlossen, und die Journalisten kamen, um ihr Gehalt in Empfang zu nehmen.

F: Was geschah, als Mousavi zum Freitagsgebet [am 14. Juli?] kam? Hatte er sich mit Hashemi Rafsanjani koordiniert?

A: Ja, es geschah in Koordination mit Herrn Hashemi. Er hatte Herrn Karroubi und Herrn Mousavi gebeten, zum Freitagsgebet zu kommen. Gleichzeitig wollten die Sicherheitskräfte seine [Mousavis] Anwesenheit verhindern, und er wollte nicht, dass die Atmosphäre sich verschärfte. Doch er kam, und die Reaktion der Menschen war sehr positiv.

F: Ist es möglich, dass Herr Mousavi oder seine Verwandten verhaftet werden?

A: Nein, ich glaube nicht, dass sie das tun können. Das würde erneut zu einer Atmosphäre erhöhter Spannung und Stress führen.

F: Wenn man Sie verhaften will - sind Sie bereit?

A: Ja, nicht nur ich, sondern auch alle anderen Mitglieder meiner Familie sind bereit.