Montag, 14. September 2009

Karroubis Brief an das iranische Volk 14.9.2009

Quelle (Englisch): http://enduringamerica.com/2009/09/14/iran-the-karroubi-letter-to-the-iranian-people-14-september/
Übersetzung Persisch-Englisch via Twitter (Danke!)
Übersetzung Englisch-Deutsch: Julia


Die Übersetzung darf gern weiterveröffentlicht werden, sofern ein Link zu diesem Blog als Quelle angegeben wird.



Wie Sie wissen, habe ich als Ihr Diener mehrere Briefe bezüglich der Ereignisse nach der Wahl an die Behörden geschrieben. Ich hätte niemals voraussehen können, dass friedliche Demonstrationen des Volkes in der Islamischen Republik mit Knüppeln und Kugeln beantwortet werden. Ich bin auf den Straßen und in den Gassen Zeuge des Undenkbaren geworden. Ich habe Szenen gesehen, die mich an meine Jugend erinnerten.

Während die Zeit verging, hörte ich von Folter in den Gefängnissen und unvorstellbaren Handlungen, begangen in namenlosen und unbekannten Haftanstalten, in unbekannten Gebäuden und von unbekannten Menschen.
Häftlinge wurden auf beschämende und unanständige Weise behandelt. Man zwang sie, einander nackt gegenüber zu sitzen und urinierte ihnen ins Gesicht. Jungen und Mädchen wurden in Handschellen am Stadtrand ausgesetzt. Und als sei das noch nicht genug, kamen mir auch noch Berichte von Vergewaltigungen zu Ohren. Was ist drei Jahrzehnte nach der Revolution und zwei Jahrzehnte nach dem Tod des Imams [Khomeini] aus uns geworden?

Also schrieb ich einen Brief an die Behörden und bat um eine Untersuchung dieser Dinge. Ihre Antwort bestand aus einem Bombardement an Schmähungen und Drohungen gegen mich. Die Freitagsimame im ganzen Land verunglimpften mich auf Befehl. Ich sagte mir, wenn solche Gräueltaten nicht passiert sind, sollten sie sie doch einfach abstreiten. Stattdessen wurde ich von den Tribünen der Freitagspredigten und ihren Medien angegriffen. Also beschloss ich, hart zu bleiben.

Zum Beispiel berichtete ich ihnen von einer Person, die vergewaltigt worden war. Die Justizbehörden arrangierten ein Treffen. Sie befragten diese Person zwei Stunden lang. Nach der zweiten Sitzung sagte diese Person zu mir: "Diese Leute haben etwas anderes im Sinn".

Der Staatsanwalt hatte diese Person aufgefordert, sich ärztlich untersuchen zu lassen. Ich sagte, er solle das tun. Sie befragten diese Person weiter und sagten zu ihm, er hätte im Interesse seiner selbst und seiner Familie besser geschwiegen und hätte nicht zulassen dürfen, dass irgendein Politiker ihn benutzt. Einige Tage später kam dieser junge Mann zu mir und sagte, sie hätten seine Eltern und Nachbarn aufgesucht. Er sagte, seine Eltern hätten von der Vergewaltigung nichts gewusst, und sein Vater hätte seither nicht mehr aufgehört zu weinen. Der Junge ging, und ich habe nichts mehr von ihm gehört.

Am letzten Dienstag kam sein Vater zu mir zu Besuch und sagte, er mache sich Sorgen um seinen Sohn. Er sagte: "Wir sind gute Moslems, warum tun sie uns das an?" Er sagte: "Sie haben mit all unseren Nachbarn und allen Ladenbesitzern in unserer Nähe gesprochen". Er sagte, sie würden ständig an der Tür klingeln und dann verschwinden. Er sagte, er habe einen kräftigen Mann auf einem Motorrad beobachtet, der sein Haus gefilmt habe.

Was sie diesem Zeugen angetan haben, war mir eine Lehre - ich stellte der Staatsanwaltschaft keine weiteren Zeugen vor.

Der zweite Fall, den ich anhand von Dokumentationen an sie herantrug war der eines jungen Mädchens, das bei einer Demonstration verhaftet worden war. Sie sagte, dass sie im Auto auf dem Weg zum Gefängnis ihre Brüste berührt und damit gespielt hätten.
Im Gefängnis hätten die Befrager sie aufgefordert, ihre Hosen auszuziehen. Sie weigerte sich. Als sie auf dem Boden lag, zogen sie ihr die Hosen aus. Als sie um Hilfe schrie, kam ein Vorgesetzter herein, um nachzusehen. Die Befrager sagten zu ihm: "Dieses Mädchen hat ihre Hosen ausgezogen und versucht, uns zu entehren".

Der dritte Fall war der eines jungen Menschen, der Mitglied in einer legalen politischen Partei war. Seine Eltern nahmen Kontakt zu mir auf. Sie hatten bereits eine CD angefertigt und waren im Besitz des medizinischen Berichts. Dieser Mensch behauptete nicht, vergewaltigt worden zu sein. Er sagte, er habe unter den heftigen Schlägen das Bewusstsein verloren und wisse nicht, was sie mit ihm gemacht hätten. Im Bereich seines Rektums hatte er Schwellungen und Rötungen. Die medizinische Untersuchung bestätigte dies und schlug vor, den Fall dem Justizministerium zu übergeben, damit es weitere Untersuchung anstelle. Dieser Mensch war fünf Tage lang in Haft und wurde schwer geschlagen. Ihm wurde gesagt, dass er nach Evin käme, doch er wurde in Handschellen und mit verbundenen Augen jenseits der Stadtgrenze ausgesetzt.

Ich hatte Dokumente für diese drei Fälle, die ich dem juristischen Gremium vorlegte. Mündlich informierte ich sie über zwei weitere Fälle. Der erste war Taraneh Mousavi. Ich sagte ihnen, dass ihre Familie nicht mit mir sprechen wolle und bat darum, weitere Untersuchungen anzustellen, um die Wahrheit herauszufinden. Der Zeuge in Taranehs Fall sagte ebenfalls, dass ihre Familie nicht mit ihm/ihr sprechen wolle. Wir sahen das gefälschte Interview mit den falschen Eltern Taranehs im Fernsehen. Sie hatten dieser falschen Familie gesagt, sie bräuchte sich keine Sorgen um irgendetwas zu machen, man würde sich um alles kümmern.

Offenbar bestand das Verbrechen Mehdi Karroubis darin, dass er Taranehs Fall, der dem der Massenmorde ähnelt, enthüllt hatte. Dies war der Grund für die Schließung meiner Zeitung Etemaad-e Melli.

Ich beschrieb ihnen Taranehs Fall so, wie ich ihn gehört hatte. Taraneh und ihre Freundinnen wurden [vermutlich am 28. Juni] vor der Qoba-Moschee verhaftet. Die Mädchen tauschten ihre Telefonnummern aus, damit jede, die entlassen wird, die Familien informieren könne. Während der Fahrt zu einem anderen Ort bemerkte ein Mädchen, dass Taraneh nicht dabei war. Dieses Mädchen nahm nach ihrer Entlassung Kontakt zu Taranehs Familie und zu den Behörden auf, um sie zu informieren, dass Taraneh vermisst wird. Offenbar hatte Taranehs Mutter Angst und sagte dem Mädchen, sie solle keinen Kontakt mehr aufnehmen. Ich bat das dreiköpfige Gremium darum, diesen Fall zu untersuchen und die Wahrheit hinter all dem herauszufinden.

[An dieser Stelle geht Karroubi auf die vielen Diskussionen um Saeedeh Pouragahie ein. Er sagt, er habe bemerkt, dass sie nicht die Tochter eines Märtyrers sei und erläutert seine Gespräche mit Saeedehs Stiefschwester. Er spricht auch darüber, wie er herausfand, dass sie eine Ausreißerin war. Dann beschreibt er, wie er alle Informationen über Saeedeh herausgegeben und das Gremium um weitere Nachforschungen ersucht hat.
Weiter spricht er über ein Mädchen, das während einer Demonstration festgenommen wurde. Das Mädchen sagte ihm, sie und ein weiteres Mädchen seien in einem Transporter auf dem Weg zum Gefängnis vergewaltigt worden. Das Mädchen bat Karroubi darum, ihre Identität nicht preiszugeben, denn wenn ihre Eltern davon erführen, würde sie sich umbringen.
Karroubi erwähnt außerdem den Fall einer Krankenschwester, der ähnlich verlief. Er veröffentlichte keine Informationen und Fotos davon. Er sagt, die Krankenschwester sei vergewaltigt worden und habe immer noch Blutergüsse am Körper.
Dann spricht Karroubi darüber, wie gut das Treffen mit dem Gremium verlief und dass sie sich in einer guten Atmosphäre trennten.]

Doch anstatt all die von mir vorgelegten Fälle zu untersuchen, verhafteten sie am folgenden Tag [Alireza] Beheshti und [Morteza] Alviri, beschlagnahmten Dokumente aus meinem Büro und dem Büro der Partei Etemaad-e Melli.

Jetzt, wo ich schnell diesen Bericht schreibe, weiß ich, dass sie lediglich versuchten, die Angelegenheit schnell irgendwie zu Ende zu bringen. Sie sagen, ich hätte keine Beweise und meine Vorwürfe seien unbegründet. Das Gremium hat das Justizministerium aufgefordert, mich zu verklagen. Wissen sie nicht, dass am Ende das Volk sein eigenes Urteil fällen und entscheiden wird, wer die Wahrheit sagt?

Kommentare:

  1. Julia, Vielen Dank für die Übersetzung
    Uli

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  2. Hallo Julia, habe diesen Artikel auf meinem Blog verlinkt. Danke für die Mühe. Schreib mir bitte, wenn du etwas dagegen hast.
    Viele Grüße,
    Dust and Trash

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  3. Ich habe nichts gegen eine Verlinkung, so lange die Quelle angegeben wird. Danke für die Verbreitung! Dafür ist es gedacht.

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  4. Danke für die Übersetzung und Unterstützung!

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